Neo Expressionismus – Geschichte und Entwicklung des Kunststils
Die Bewegung des Neo-Expressionismus entstand gegen Ende der 1970er Jahre und wird sowohl als späte Moderne als auch als früher postmoderner Malerei- und Skulpturenstil angesehen. Der Neo-Expressionismus entwickelte sich als Reaktion auf die Konzeptkunst und die Minimal Art und knüpfte an den deutschen Expressionismus an. Die Werke sind meist großformatig, zeigen erkennbare Figuren und Gegenstände und tragen die Farbe sichtbar grob auf.
Eine Geschichte der neoexpressionistischen Bewegung
Über kaum eine Kunstbewegung des späten 20. Jahrhunderts gibt es so wenig Einigkeit wie über den Neo-Expressionismus. Schon der Ursprung ist strittig: Die meisten Kunsthistoriker sehen ihn in Deutschland, weil er an expressionistische Positionen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpfte; andere verweisen auf Italien und die Vereinigten Staaten, wo sich vergleichbare Tendenzen fast gleichzeitig zeigten.
Das größte Diskussionsthema ist der Ursprung der Bewegung, der zwischen den 1960er und 1970er Jahren schwankt.
Es wird allgemein angenommen, dass der Neo-Expressionismus eine Erweiterung des Deutschen Expressionismus und des Abstrakten Expressionismus war.
Eine Ausstellung mit Werken aus der deutschen Kunstszene des Neo-Expressionismus; Jean-Pierre Dalbéra aus Paris, Frankreich, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Während einige den Neo-Expressionismus als Gegenschlag gegen den Minimalismus verstanden, bestritten andere, dass es sich überhaupt um eine eigene Kunstbewegung handelte: Vieles, was auf den Markt kam, wirkte wie eine Neuauflage bereits vorhandener Kunst. Dennoch wurde der Neo-Expressionismus um 1980 als internationale Tendenz sichtbar und lässt sich als Teil des Übergangs zur Postmoderne einordnen, getragen vor allem von der Malerei und in geringerem Maße von Skulptur und Druckgrafik.
Wendepunkte der Bewegung im Überblick
| 1963 | Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt zwei Gemälde aus Georg Baselitz‘ erster West-Berliner Galerieausstellung. Der Skandal macht figurative Malerei wieder zum Streitthema. |
| 1970 | Philip Guston zeigt in der Marlborough Gallery in New York 33 neue, comichaft figurative Bilder und bricht öffentlich mit der Abstraktion. |
| 1977-1984 | Jörg Immendorff malt die 16 Bilder der Serie Café Deutschland. |
| 1978 | Die Ausstellung New Image Painting im Whitney Museum of American Art bündelt die amerikanische Rückkehr zum erkennbaren Bild. |
| 1979 | Der Kritiker Achille Bonito Oliva prägt für die italienischen Maler den Begriff Transavanguardia. |
| 1981 | A New Spirit in Painting an der Royal Academy of Arts in London zeigt 38 Maler und keine einzige Malerin. Im selben Sommer gibt Ben Vautier der französischen Figuration Libre ihren Namen. |
| 1982 | Die documenta 7 in Kassel und die Ausstellung Zeitgeist im Berliner Martin-Gropius-Bau rücken die Malerei ins Zentrum. |
| Ende der 1980er | Der Kunstmarkt bricht ein, die Preise geben nach, das Interesse verlagert sich auf andere Medien. |
Die Anfänge des Expressionismus
Die ursprüngliche Bewegung des Expressionismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die Unzufriedenheit mit der Moderne. Industrialisierung und Städtewachstum ließen die Menschen ein gleichgültigeres Verhältnis zur physischen Welt entwickeln, und genau das zeigten die Kunstwerke dieser Zeit. Anstatt die natürliche Welt zu imitieren, verzerrten die Expressionisten Formen und Farben, um beim Betrachter eine emotionale Reaktion auszulösen.
1937 zeigten die Nationalsozialisten expressionistische Werke in der Münchner Schau „Entartete Kunst“ und entfernten Tausende Arbeiten aus deutschen Museen.
Nach den 1950er Jahren trugen Künstler wie Georg Baselitz dazu bei, dass expressionistische Bildmittel in Europa wieder Fuß fassten.
Doch erst in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren wurden Kunstwerke, die Stil und Merkmale des Expressionismus aufgriffen, als Neo-Expressionismus bekannt. Diese neue Form rebellierte gegen die Bewegungen der Pop Art, gegen Konzeptkunst und Minimalismus.
Die Künstler freuten sich über die Rückkehr zu mehr emotionalen Inhalten, subjektiven Farben und verdrehten Formen, die in den früheren Bewegungen des Fauvismus, der Brücke, des Blauen Reiters und des Abstrakten Expressionismus beliebt waren.
Die Vorherrschaft des Neo-Expressionismus
Der Neo-Expressionismus beherrschte den Kunstmarkt bis Mitte der 1980er Jahre und war international erfolgreich. Viele Kritiker sahen darin ein Wiederaufleben der europäischen Tradition der Selbstdarstellung, lange nach der Dominanz amerikanischer Kunst. Das führte zu heftigen Diskussionen über den sozialen und wirtschaftlichen Wert dieser Werke.
Mit dem Fortschreiten der Bewegung wurde die Marktfähigkeit der neoexpressionistischen Kunst von den Kritikern zunehmend missbilligt.
Bestimmte Malweisen und Themen galten in der sich verändernden modernen Welt als altmodisch. Ein Punkt, der bis heute schwer wiegt, ist der Ausschluss von Künstlerinnen: Die Werke der beteiligten Frauen wurden in Ausstellungen selten gezeigt.
Das bekannteste Beispiel dafür ist die Ausstellung A New Spirit in Painting, die 1981 an der Royal Academy of Arts in London stattfand. Sie zeigte 38 Künstler aus Europa und Amerika, darunter keine einzige Frau. Produktive Malerinnen wie Elizabeth Murray und Maria Lassnig fehlten auch hier, wie in vielen anderen einschlägigen Ausstellungen jener Jahre.
Der Ausschluss von Frauen aus einer Ausstellung, die den Aufbruch verkündete, zeigte, wie viel weiter die Gesellschaft noch gehen musste.
Die Arten von Motiven in der neoexpressionistischen Kunst
Die Kunstwerke der neoexpressionistischen Bewegung stellten ihre Motive in der Regel roh und ungeschminkt dar. Die pastose Pinselführung und die grellen, aggressiv gesetzten Farben zielten auf einen Schockeffekt, der zum Markenzeichen des Stils wurde.
Da die Arbeit der neoexpressionistischen Künstler eng mit dem Kauf und Verkauf von Kunst verbunden war, begannen Kritiker an der Echtheit und Motivation der Kunstwerke zu zweifeln.
Saut dans l’espace („Sprung ins All“, 1953) von Karel Appel (1921-2006); Pedro Ribeiro Simões aus Lisboa, Portugal, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Der Neo-Expressionismus holte historische und mythologische Bilder zurück, was der Tendenz der Moderne widersprach, alles Erzählerische abzulehnen. Genau deshalb wurde die Thematik der Werke regelmäßig in Frage gestellt.
Trotz dessen wird angenommen, dass die Themen der neoexpressionistischen Kunstwerke eine wichtige Rolle beim Übergang von der Moderne zur Postmoderne spielten.
Der visuelle Stil folgte einer Haltung, nicht einem ästhetischen Regelwerk. Die Künstler vermieden die Figuration nicht, bemühten sich aber auch nicht, sie zu perfektionieren.
Die Verbreitung des Neo-Expressionismus
Der Neo-Expressionismus verbreitete sich in ganz Europa und, in engem zeitlichem Zusammenhang, auch in Amerika. Bei ähnlichen Bildmitteln trug er an jedem Ort einen anderen Namen, und jede Region gab dem Stil eine eigene Färbung.
Die wichtigsten Regionen, in denen sich der Neo-Expressionismus verbreitete, waren Deutschland, Italien, Frankreich und die Vereinigten Staaten.
Neoexpressionismus in Deutschland
Die deutsche Vorgeschichte beginnt 1963. Georg Baselitz eröffnete seine erste Galerieausstellung in West-Berlin, und die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte zwei Bilder wegen Unzüchtigkeit: Das eine zeigte eine masturbierende Figur, das andere eine männliche Figur mit Erektion.
Nachdem er so viel Aufsehen erregt hatte, galt Baselitz als Kopf der figurativen Malerei in Deutschland.
Baselitz war 1957 an der Ost-Berliner Kunsthochschule in Weißensee exmatrikuliert worden und hatte sein Studium in West-Berlin fortgesetzt. Seine Motive bezog er weiterhin aus seiner ostdeutschen Herkunft. Auch als seine späteren Ausstellungen keine Skandale mehr auslösten, blieb seine expressionistische Figuration umstritten.
Die Kunstwerke des deutschen Neo-Expressionismus zeichnen sich durch harte, schnell gesetzte Pinselstriche und leuchtende, vom Fauvismus hergeleitete Farben aus, aus denen grobe und oft unvollständige Formen entstehen.
Im offiziellen Kunstbetrieb der DDR war eine solche Malerei lange ausgeschlossen: Dort galt der Sozialistische Realismus als verbindliche Doktrin, und im Formalismusstreit ab 1951 wurden die deutschen Expressionisten ausdrücklich angegriffen. Seit Mitte der 1960er Jahre wurden expressive Gestaltungsmittel innerhalb dieser Doktrin teilweise geduldet, blieben aber die Ausnahme. Die westdeutsche Rückbesinnung auf den Expressionismus gehörte dagegen zu einem breiteren gesellschaftlichen Wandel, in dem die NS-Vergangenheit offener verhandelt wurde. Viele neoexpressionistische Künstler nutzten ihre Werke, um das Land und seine ungelösten Konflikte zu befragen.
Die Neuen Wilden: die jüngere deutsche Generation
Der Begriff „Neue Wilde“ meint nicht Baselitz‘ Generation, sondern die jüngere, die um 1980 vor allem in Berlin, Köln, Hamburg und Düsseldorf auftrat; im Folgenden stehen die beiden am festesten organisierten Gruppen, in West-Berlin und Köln, im Mittelpunkt. Er spielt auf die Fauves an, die „wilden“ Farbmaler um 1905.
In West-Berlin gründeten Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer 1977 die selbstverwaltete Galerie am Moritzplatz. Ihre Motive kamen aus dem nächtlichen Berlin: Clubs, Konzerte, U-Bahn, die Mauer. In Köln schloss sich 1980 die Gruppe „Mülheimer Freiheit“ zusammen, zu der unter anderen Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, Peter Bömmels und Hans Peter Adamski gehörten; sie malten schnell, ironisch und bewusst dilettantisch.
Wer die beiden Generationen auseinanderhalten will, achtet auf das Motiv: Baselitz, Anselm Kiefer und Jörg Immendorff verhandeln deutsche Geschichte, die Neuen Wilden das Großstadtleben ihrer eigenen Gegenwart.
Neo-Expressionismus in Italien
In Italien nahm die Bewegung poetische, mythologische und verzerrt figurative Bilder auf. Sie wurde als „Transavanguardia“ bekannt, nachdem der Kunstkritiker Achille Bonito Oliva 1979 diesen Begriff geprägt hatte.
Der Name markierte die Abkehr von der Kargheit der italienischen Arte Povera, während Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts wie der Futurismus, der Symbolismus und der Surrealismus den Stil weiter prägten.
Zu den prägenden Künstlern dieser Zeit, deren Werke auf antike italienische Quellen anspielen, gehören Sandro Chia, Enzo Cucchi, Nicola De Maria und Mimmo Paladino. International am bekanntesten wurde Francesco Clemente, der seine Arbeit zwischen New York und Indien aufteilte und die stilistischen Einflüsse beider Orte aufnahm. Wie die anderen italienischen Neo-Expressionisten verwendete er kräftige, suggestive Farben, denn auch dieser Zweig war eng an die Tradition der Fauvisten angelehnt.
Neoexpressionismus in Frankreich
In Frankreich blieb die Gruppe deutlich kleiner. Sie trat unter dem Namen „Figuration Libre“ auf, den Ben Vautier im Sommer 1981 prägte, als er Robert Combas und Hervé Di Rosa in seiner Galerie in Nizza ausstellte. Zusammen mit François Boisrond und Rémi Blanchard bildeten die beiden den Kern der Gruppe.
Die Motive stammten aus Werbung, Comic, Medien und Rockmusik, also aus dem Alltag der Städte, in denen die Maler lebten.
Daraus entstanden comichaft bunte Bilder mit schrillen Figuren, umrissen von dicken schwarzen Konturen. Auch hier kamen grelle, dem Fauvismus entlehnte Farben zum Einsatz, was die Verbindung zu den anderen Zweigen der Bewegung zeigt.
Neo-Expressionismus in Amerika
In den Vereinigten Staaten wurde der Neo-Expressionismus in den 1980er Jahren als Rückkehr der Malerei begrüßt. Als Vorläufer gilt Philip Guston, der 1970 in der New Yorker Marlborough Gallery 33 comichaft figurative Bilder zeigte und damit öffentlich mit der Abstraktion brach. Die Kritik reagierte damals scharf, für die jüngeren Maler wurde der Schritt zum Bezugspunkt.
Das Zentrum der Bewegung war New York City, wo der Kunstmarkt zusammen mit dem Konsumklima der Zeit stark wuchs und die Verkaufspreise zeitgenössischer Kunst in kurzer Zeit in ungekannte Höhen stiegen. Anstatt dieses Umfeld abzulehnen, nahmen die amerikanischen Künstler es an.
Die Zeit des Neo-Expressionismus leitete ein Wiederaufleben der Malerei in den Vereinigten Staaten ein.
Zwei amerikanische Strömungen standen in engem Zusammenhang mit dem Neo-Expressionismus und werden in Überblicksdarstellungen oft mit ihm in Verbindung gebracht: Bad Painting und New Image Painting, wobei Letzteres eher als dessen Vorläufer gilt. Bad Painting lehnte den „guten Geschmack“ ebenso ab wie den Intellektualismus der Konzeptkunst; die Bilder spiegeln die raue Seite der amerikanischen Gegenwart.
Jean-Michel Basquiats Dripping Graffiti Art; jpvargas, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
New Image Painting wurde durch eine gleichnamige Ausstellung eingeführt, die 1978 im Whitney Museum of American Art stattfand und unter anderen Susan Rothenberg zeigte. Die Gemälde verwendeten leicht erkennbare Bilder, die so weit abstrahiert waren, dass sie den rauen Strich eines Cartoons annahmen.
Mit diesen beiden Richtungen war die Kombination aus abstrakten und figurativen Formen wieder erlaubt, die frühere Stile bekannt gemacht hatten.
Eric Fischl und Julian Schnabel wurden zu prominenten Vertretern des amerikanischen Neo-Expressionismus; sie arbeiteten mit menschlicher Psychologie und Geschichte und schufen daraus sehr persönliche Werke. Jean-Michel Basquiat war für seine schnellen Pinselstriche und Farbspritzer bekannt, mit denen die Graffiti-Kunst in die Galerien einzog.
Wie sich der Neo-Expressionismus definieren lässt
Weil die Tendenzen der Bewegung fast gleichzeitig in mehreren Ländern auftraten, brachte jeder beteiligte Künstler seine eigene Handschrift ein. Einige wählten einen abstrakten Ansatz, andere schufen Werke, die hyperrealistisch wirken. Eine scharfe Definition gibt es deshalb nicht.
Am tragfähigsten ist diese: Der Neo-Expressionismus konzentrierte sich auf die Wiederbelebung der Malerei durch kräftige Farben sowie durch Objekte und Symbole, die er anderen Kunstbewegungen entlehnte. Dazu gehörten der deutsche und der abstrakte Expressionismus, der Fauvismus, der Kubismus, der Surrealismus und die Pop Art.
Douglas (1985-1986) von Olivier Mosset (geb. 1944), einem Schweizer bildenden Künstler, der viel Zeit in New York und Paris verbrachte. In Paris war er in den 1960er Jahren Mitglied der BMPT (Kunstgruppe), zusammen mit Daniel Buren, Michel Parmentier und Niele Toroni. Später, in New York in den späten 1970er Jahren, unternahm Mosset eine lange Serie von monochromen Gemälden, während der Blütezeit des Neo-Expressionismus; Pedro Ribeiro Simões aus Lisboa, Portugal, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Kunsthistoriker beschreiben die Bewegung als Reaktion auf Minimal Art und Konzeptkunst, die die 1970er Jahre bestimmt hatten. Praktisch umfasste der Neo-Expressionismus mehrere nationale Malstile mit gemeinsamen Merkmalen, und er brachte das traditionelle Format der Staffeleimalerei zurück.
Dass die Bewegung in jedem Land einen anderen Namen trug, ist selbst ein Befund: Ein Programm, auf das sich alle Beteiligten geeinigt hätten, gab es nie.
Mythos und Fakt: fünf verbreitete Annahmen über den Neo-Expressionismus
Um die Bewegung ranken sich einige Vorstellungen, die sich bei genauerem Hinsehen nicht halten. Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten ein.
- Mythos: Der Neo-Expressionismus war eine einheitliche Bewegung mit einem gemeinsamen Programm.
Fakt: Er trug in jedem Land einen anderen Namen („Neue Wilde“, „Transavanguardia“, „Figuration Libre“, „Bad Painting“ und „New Image Painting“), und ein Programm, auf das sich alle Beteiligten geeinigt hätten, gab es nie. - Mythos: Die Bewegung entstand eindeutig in Deutschland.
Fakt: Der Ursprung ist unter Kunsthistorikern strittig; manche verweisen ebenso auf Italien und die Vereinigten Staaten, wo sich vergleichbare Tendenzen fast gleichzeitig zeigten. - Mythos: Frauen spielten in der Bewegung keine Rolle.
Fakt: Malerinnen wie Elizabeth Murray und Maria Lassnig arbeiteten mit denselben Bildmitteln, tauchten aber in zentralen Ausstellungen wie A New Spirit in Painting (1981) nicht auf; solche männlich dominierten Auswahlen prägten die spätere Kanonbildung mit. - Mythos: Bad Painting und New Image Painting waren eigenständige, vom Neo-Expressionismus getrennte Strömungen.
Fakt: Beide standen in engem Zusammenhang mit dem Neo-Expressionismus; New Image Painting gilt dabei häufiger als dessen Vorläufer denn als deckungsgleiche Strömung. - Mythos: Basquiat war ein Neo-Expressionist wie Baselitz oder Kiefer.
Fakt: Er wird der Bewegung meist zugerechnet, kam aber aus der Graffiti-Szene statt aus einer Kunstakademie, und Schrift spielt bei ihm eine größere Rolle als bei den europäischen Malern.
Schlüsselmerkmale des Neo-Expressionismus
Der Neo-Expressionismus setzte die Malerei wieder als vorrangiges Medium ein. Das zeigte sich an den meist großformatigen Werken mit dichten Farbschichten und rohen Pinselstrichen in leuchtenden Farben.
Ein Hauptmerkmal der neoexpressionistischen Kunst war daher die starke Konzentration auf die Form und die Art und Weise, wie ein Kunstwerk geschaffen wurde.
Die dargestellte Bedeutung trat dabei hinter Form und Malprozess zurück, blieb aber keineswegs unwichtig: Die Künstler misstrauten vor allem der geschlossenen Erzählung. Stattdessen griffen sie Ikonografie, Primitivismus, Natur, Mythologie und Geschichte in andeutender Form auf.
Publikum und Kritik wunderten sich, warum die Rückkehr des Expressionismus so lange auf sich warten ließ, und viele hielten den Neo-Expressionismus deshalb für eine Mode und nicht für eine Kunstbewegung.
Ein weiteres Merkmal, das manchmal als das wichtigste gilt: Der Neo-Expressionismus verwarf die intellektualisierte und geschliffene Herangehensweise an die Kunst und suchte den Ausdruck unmittelbarer Gefühle.
Neo-Expressionismus im Bild erkennen: die Checkliste
Wer vor einem Bild steht und nicht sicher ist, ob es zum Neo-Expressionismus gehört, kann diese Merkmale der Reihe nach durchgehen:
- Format: Großformatig statt kleinteilig.
- Gegenstand: Trotz aller Verzerrung ist eine Figur, ein Gesicht oder ein Objekt erkennbar.
- Farbauftrag: Die Farbe liegt dick und sichtbar grob auf der Leinwand, mit erkennbaren Pinselspuren.
- Farbigkeit: Leuchtende, kräftige Farben, oft an den Fauvismus angelehnt.
- Thema: Bezug zu Mythologie, Geschichte oder Alltag statt reiner Form oder Idee.
- Material: Neben der Farbe treten manchmal fremde Stoffe wie Stroh, Blei, Asche oder Sackleinen auf.
- Haltung: Das Bild wirkt roh und unmittelbar, nicht kalkuliert und geschliffen.
Treffen die ersten vier Punkte zu, spricht vieles für ein neoexpressionistisches Werk, auch wenn Format, Figur und Farbauftrag allein nie beweisend sind; Künstler, Entstehungszeit und Werkzusammenhang gehören für eine sichere Zuordnung immer dazu. Material und Haltung bestätigen den Eindruck zusätzlich.
Neo-Expressionismus und seine Nachbarn: der Schnelltest
Die Bewegung wird häufig mit ihren Vorläufern verwechselt. Diese Übersicht nennt die Unterschiede, die sich am Bild selbst ablesen lassen.
| Deutscher Expressionismus (etwa 1905-1920) | Eher kleine Formate, Holzschnitt als Leitmedium, Farbe gegen die Naturbeobachtung gesetzt; Gruppen mit Programm wie Brücke und Blauer Reiter. |
| Abstrakter Expressionismus (etwa 1945-1960) | Große Formate ohne erkennbaren Gegenstand. Thema ist die Spur des Malvorgangs selbst. |
| Neo-Expressionismus (etwa 1975-1990) | Große Formate mit erkennbarem Gegenstand: Figuren, Mythos, Geschichte. Dick aufgetragene Farbe, häufig fremde Materialien wie Stroh, Blei, Schellack oder Sackleinen. |
| Minimal Art und Konzeptkunst (etwa 1965-1980) | Industriell gefertigte Formen oder Text und Idee anstelle des Bildes. Genau dagegen richtete sich der Neo-Expressionismus. |
Als grobe Faustregel gilt das Format zusammen mit der Figur, auch wenn einzelne Werke davon abweichen: großes Bild ohne erkennbaren Gegenstand deutet meist auf Abstrakten Expressionismus, kleines Bild mit greller Figur auf klassischen Expressionismus, großes Bild mit grober Figur und sichtbar aufgetragener Farbmasse auf Neo-Expressionismus.
Einige berühmte neoexpressionistische Kunstwerke und ihre Künstler
Künstlerinnen und Künstler aus mehreren Ländern arbeiteten mit den Merkmalen des Stils. Die meisten bekannten Namen stammen aus Deutschland, Italien und den Vereinigten Staaten. Im Folgenden werfen wir einen Blick auf einige der bekanntesten Werke dieser Periode.
Georg Baselitz (1938 – 2026)
| Geburtsdatum | 23. Januar 1938 |
| Status | gestorben am 30. April 2026 |
| Nationalität | Deutsch |
| Kunstströmungen | Neo-Expressionismus |
Einer der bekanntesten Vertreter der deutschen Neo-Expressionisten war der Maler und Bildhauer Georg Baselitz. Er half dabei, die Malerei von der Abstraktion und dem Formalismus der damals vorherrschenden Konzeptkunst abzusetzen. Seit 1969 stellt er seine Motive auf den Kopf, damit das Bild als gemalte Fläche und nicht als Abbild gelesen wird.
In seinen Werken konzentrierte sich Baselitz auf provokante Themen und intensive Farben, um Gemälde zu schaffen, die das Chaos der modernen Welt darstellen.
Georg Baselitz fotografiert von Lothar Wolleh in Mülheim, 1971; Lothar Wolleh, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Nachdem er sich mit abstrakter Kunst beschäftigt hatte, gab Baselitz diese Form auf und nahm Bildmittel des deutschen Expressionismus wieder auf, der zuvor von den Nationalsozialisten verfemt worden war.
Adieu (1982)
| Jahr | 1982 |
| Medium | Öl auf Leinwand |
| Abmessungen | 250 cm x 300,5 cm |
| Wo es sich befindet | Tate, London |
Auf Adieu sind zwei Figuren zu sehen, die auf dem Kopf stehen und ohne festen Standpunkt im Raum schweben. Der Hintergrund ist von einem gelb-weißen Schachbrettmuster durchzogen.
Baselitz schrieb dem Bild keine feste Bedeutung zu, doch gelesen wurde es als Bild der deutschen Teilung.
Weil die Figuren wie in einer Schwebe hängen, bleibt viel leerer Raum unter ihnen. Der Titel deutet das Thema der Trennung an, das durch die voneinander abgewandten Körper verstärkt wird. Baselitz arbeitete über Wochen an dem Bild und rückte die beiden Figuren dabei immer weiter auseinander. Die harte, breit gesetzte Pinselführung lässt sie grob und unfertig erscheinen.
Elizabeth Murray (1940 – 2007)
| Geburtsdatum | 6. September 1940 |
| Todesdatum | 12. August 2007 |
| Nationalität | US-amerikanisch |
| Kunstströmungen | Neo-Expressionismus |
Eine der wichtigsten Vertreterinnen war die US-amerikanische Malerin und Grafikerin Elizabeth Murray. Ihre Werke wirken verspielt und cartoonhaft, verfolgen die Möglichkeiten des Stils aber konsequent.
Obwohl sie prägende Bilder der Zeit schuf, wurde Murray wie andere Künstlerinnen aus zahlreichen Ausstellungen des Neo-Expressionismus ausgeschlossen; ihr Geschlecht spielte dabei eine zentrale Rolle.
Wiggle Manhattan (1992)
| Jahr | 1992 |
| Medium | Lithografie |
| Abmessungen | 146,7 cm x 72,7 cm |
| Wo es sich befindet | Museum of Modern Art, New York City |
Murray erweiterte die Dimensionen ihrer Malerei, indem sie über mehrere Leinwände hinweg arbeitete und den Bildort zerlegte. Diese Fragmentierung zeigt auch die Lithografie Wiggle Manhattan von 1992, die auf den ersten Blick wie ein Gekritzel aus sich kreuzenden Linien wirkt.
Murray nutzte Elemente der Abstraktion regelmäßig, um ihren Werken einen verspielten, absichtlich albernen Zug zu geben.
Wiggle Manhattan ist eine Lithografie in 15 Farben auf handgeschöpftem Torinoko-Papier, erschienen bei Universal Limited Art Editions. Kräftige rote Linien durchziehen die Fläche und zerlegen sie in unregelmäßige Felder: dieselbe Zerlegung des Bildorts, die Murray in ihren geformten Leinwänden betrieb.
Das Blatt lässt sich als Kommentar auf die Ernsthaftigkeit lesen, mit der die Malerei ihrer Zeit auftrat.
Jörg Immendorff (1945 – 2007)
| Geburtsdatum | 14. Juni 1945 |
| Todesdatum | 28. Mai 2007 |
| Nationalität | Deutsch |
| Kunstströmungen | Neo-Expressionismus |
Der deutsche Maler, Bildhauer und Kunstprofessor Jörg Immendorff war in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren einer der bekanntesten Maler der Bewegung. Er suchte eine Verbindung zwischen seiner Malerei und seinem politischen Engagement und setzte sich mit der Teilung Deutschlands auseinander.
Seine Bilder stellen immer wieder dieselbe Frage: Was können Kunst und Künstler innerhalb der Gesellschaft ausrichten?
Ein Gemälde mit einem Portrait von Jörg Immendorff; Organmuseum (www.AbodeofChaos.org), CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Café Deutschland I (1978)
| Jahr | 1978 |
| Medium | Öl auf Leinwand |
| Abmessungen | 282 cm x 330 cm |
| Wo es sich befindet | Museum Ludwig, Köln |
Café Deutschland I entstand 1977 bis 1978 und eröffnete eine Serie von insgesamt 16 Gemälden, die Immendorff bis 1984 malte. Angeregt wurde sie von Renato Guttusos Caffè Greco. Das Bild zeigt den Einfluss des deutschen Expressionismus und arbeitet mit verzerrter Perspektive und groben Charakterisierungen.
Immendorff malte sich selbst in das Werk hinein: Im Vordergrund streckt er seine Hand durch eine Öffnung in der Mauer in Richtung seines ostdeutschen Künstlerkollegen A. R. Penck.
Im chaotischen, dunklen Hintergrund mischen sich Tanzende in einem bedrohlich wirkenden Untergrundclub. Mit dieser Szene verwies Immendorff auf die Teilung Deutschlands in den 1970er und 1980er Jahren.
Das auffälligste Symbol dieser Spaltung ist das Hakenkreuz, das links im Bild zwischen den Krallen eines Adlers hängt.
Anselm Kiefer (1945 – heute)
| Geburtsdatum | 8. März 1945 |
| Status | lebt und arbeitet |
| Nationalität | Deutsch |
| Kunstströmungen | Neo-Expressionismus |
Der deutsche Künstler Anselm Kiefer arbeitet in den meisten seiner Werke an umstrittenen Kapiteln der Geschichte. Als er anfing, galten seine großformatigen Bilder als Zumutung in einer Zeit, in der die Malerei kaum beachtet wurde.
Mit Werken zur deutschen Geschichte und zum Holocaust zwang Kiefer seine Zeitgenossen dazu, die NS-Vergangenheit anzusehen, statt sie zu übergehen.
Glaube, Hoffnung, Liebe von Anselm Kiefer, in der Art Gallery of New South Wales; Wmpearl, CC0, via Wikimedia Commons
Kiefer arbeitet mit ungewöhnlichen Materialien wie Blei, Stroh, Asche und Schellack und wählt sie nach ihrer symbolischen Bedeutung aus. Seine Bilder verbinden dadurch mehrere Themen zugleich. Kiefer ist weiterhin künstlerisch tätig und arbeitet seit 2008 überwiegend in und bei Paris.
Bohemia Lies by the Sea (1996)
| Jahr | 1996 |
| Medium | Öl, Emulsion, Schellack, Holzkohle und Farbpulver auf Sackleinen |
| Abmessungen | 191,1 cm x 561,3 cm |
| Wo es sich befindet | Metropolitan Museum of Art, New York |
In diesem Werk verbindet Kiefer die Themen Tod, Paradies und Wiedergeburt. Der Titel stammt aus dem Gedicht Böhmen liegt am Meer der österreichischen Dichterin Ingeborg Bachmann, in dem es um die Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft und zugleich um das Wissen um deren Unerreichbarkeit geht.
Böhmen war bis 1918 österreichisch, wurde dann Teil der Tschechoslowakei und gehört heute zu Tschechien; die deutschsprachige Bevölkerung wurde nach 1945 vertrieben.
Das Bild ist in der Mitte von einer Straße geteilt, die in die Tiefe führt, und steht für die monumentalen Formate, mit denen Kiefer den Betrachter körperlich einbezieht. Bei einer Breite von über fünfeinhalb Metern lässt sich das Werk aus der Nähe nicht mehr überblicken.
Eric Fischl (1948 – heute)
| Geburtsdatum | 9. März 1948 |
| Status | lebt und arbeitet |
| Nationalität | US-amerikanisch |
| Kunstströmungen | Realismus und Neo-Expressionismus |
Eric Fischl ist Maler und Bildhauer und war ein aktives Mitglied der neoexpressionistischen Bewegung. Seine Bilder zeigen Porträts, Vorstadtinterieurs und Strandszenen.
Fischl interessierten vor allem Körper und Sexualität und die Frage, wie beides mit den Normen der amerikanischen Vorstadt kollidiert.
Eric Fischl bei der Gala-Eröffnung des Broad Contemporary Art Museum 2008 im LACMA in Los Angeles, Kalifornien; Jeremiah Garcia, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Bad Boy (1981)
| Jahr | 1981 |
| Medium | Öl auf Leinwand |
| Abmessungen | 168 cm x 244 cm |
| Wo es sich befindet | Saatchi Collection, London |
Fischl galt als „bad boy“ des Neo-Expressionismus, weil er die Vorstadt als Ort von Alltag und Zerbrechlichkeit zeigte. Sein bekanntestes Werk ist Bad Boy von 1981.
Das Gemälde zeigt eine nackte Frau auf einem Bett, während ein Junge zusieht. Beide sind physisch im selben Raum, aber jeder für sich.
Das Licht-Schatten-Muster der Jalousie legt sich über die weibliche Figur und betont ihre Nacktheit. Die Schale mit Früchten hinter dem Jungen und die geöffnete Handtasche werden meist als Zeichen von Fruchtbarkeit und Sexualität gelesen.
Der Junge starrt auf die Pose der Frau und greift dabei hinter seinen Rücken, um etwas aus der Handtasche zu stehlen. Diese eine Bewegung macht die Szene zum Bild eines Übergriffs.
Francesco Clemente (1952 – heute)
| Geburtsdatum | 23. März 1952 |
| Status | lebt und arbeitet |
| Nationalität | Italienisch |
| Kunstströmungen | Symbolismus und Neo-Expressionismus |
Francesco Clemente war an der Entwicklung der Transavanguardia beteiligt. Wie andere Neo-Expressionisten verbindet er in seinen Werken Sexualität, rohe Emotion und stellenweise Gewalt.
Mit visuellen Elementen aus dem Surrealismus deutete Clemente in seinen Gemälden die dunkle Seite der Menschheit an, dazu Zeichen und Symbole aus anderen Kulturen.
Francesco Clemente in San Francisco mit seinem Selbstporträt bei Nash Editions, 1991; Sally Larson, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Clemente zeigt die unausgesprochenen psychologischen Seiten des Menschseins und übertreibt sie mit Mitteln des Surrealismus.
Anders als die meisten Neo-Expressionisten seiner Zeit arbeitete Clemente mit Symbolen aus mehreren Kulturen, um existenzielle Fragen zu behandeln.
Scissors and Butterflies (1999)
| Jahr | 1999 |
| Medium | Öl auf Leinen |
| Abmessungen | 233,7 cm x 233,7 cm |
| Wo es sich befindet | Guggenheim Museum, New York City |
Clemente legte Scissors and Butterflies als eine Art Selbstporträt an. Zu sehen sind drei Figuren, die in einem kreisförmigen Ring ineinander schweben, verbunden durch drei große Schmetterlinge.
Mit einem sinnlichen Stil, den er sich auf seinen Reisen nach Indien angeeignet hatte, schuf Clemente halbabstrakte Formen, die Tier- und Menschenfiguren verbinden.
Im Bild vollzieht sich eine Metamorphose zwischen Tier und Mensch, männlich und weiblich, Gewalt und Spiritualität. Die erotischen Elemente und die brennenden Farbtöne verweisen auf die Atmosphäre, die Clemente in New York beobachtete.
David Salle (1952 – heute)
| Geburtsdatum | 28. September 1952 |
| Status | lebt und arbeitet |
| Nationalität | US-amerikanisch |
| Kunstströmungen | Zeitgenössische Kunst, Postmoderne und Neo-Expressionismus |
Der Maler, Grafiker und Fotograf David Salle begann zu einer Zeit zu arbeiten, als die Malerei als veraltet galt und der Minimalismus den Ton angab. Statt geschlossene Bilder zu malen, kombinierte er realistische Vorlagen so, dass die Betrachter auf Form, Farbe und Anordnung achten müssen.
Salles Kunststil wird als Pastiche bezeichnet: Er kombiniert vorgefundene Bilder und Stile aus Kunstgeschichte, Werbung, Design und Populärkultur zu neuen, bewusst uneinheitlichen Bildzusammenhängen.
In seinen Werken stehen erkennbare Bilder ohne ihren Zusammenhang nebeneinander, etwa einzelne Körperteile auf leerer Leinwand. Salles Umgang mit der Perspektive zwingt dazu, vertraute Bilder neu zu sortieren.
Neben seiner Malerei schrieb Salle auch für die Zeitschrift „Interview“ seines Künstlerkollegen Andy Warhol und für „ArtForum“.
Comedy (1995)
| Jahr | 1995 |
| Medium | Öl und Acryl auf Leinwand |
| Abmessungen | 243,8 cm x 365,8 cm |
| Wo es sich befindet | Guggenheim Museum, New York City |
Comedy von 1995 besteht aus zwei deutlich unterschiedlichen Hälften: eine in Farbe, die andere in monochromem Lila. Links sitzen vier Figuren und schauen den Betrachter an. Die vorderste lächelt, und die Intensität des Lächelns nimmt nach hinten ab, bis die letzte Figur gar keine Regung mehr zeigt.
Rechts ist eine häusliche Szene zu sehen, die auf den ersten Blick normal aussieht, aber um 90 Grad gekippt wurde. Salle nutzt hier die Mittel der Collage und mischt mehrere Vorlagen in ein Bild.
Weil das Gemälde Motive aufgreift, die Salle schon früher verwendet hat, setzt es seine Beschäftigung mit den Rollenerwartungen an Frauen in der amerikanischen Gesellschaft fort. Verstärkt wird das durch die Gegenüberstellung des Mädchens links in der häuslichen Szene mit dem Bild eines Hochzeitskleides rechts.
Das Erbe des Neo-Expressionismus
Nachdem der Neo-Expressionismus den europäischen und amerikanischen Kunstmarkt von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre bestimmt hatte, ließ sein Erfolg nach. In den späten 1980er Jahren verlor der Markt das Interesse: Kritik und Publikum wandten sich anderen postmodernen Ansätzen sowie Medien jenseits der Malerei zu. Was eben noch als Befreiung galt, wirkte plötzlich rückwärtsgewandt.
Der Niedergang wird meist auf zwei Ursachen zurückgeführt: die Überproduktion der Bewegung und den Einbruch des Kunstmarktes Ende der 1980er Jahre.
Wo der Neo-Expressionismus in der Kunstgeschichte einzuordnen ist, ist bis heute offen. Er lässt sich als späte Erscheinungsform der Moderne lesen oder als deren Abschluss.
Einige der führenden Künstler sind weiterhin in großen Ausstellungen präsent, während die Mehrheit der neoexpressionistischen Maler kaum noch gezeigt wird.
Der Ausschluss von Künstlerinnen wirkt dabei bis heute nach: Weil viele Malerinnen ihrer Generation in den großen Ausstellungen der 1980er Jahre kaum auftauchten, fehlen sie auch in den Sammlungsbeständen, aus denen spätere Überblicksausstellungen schöpfen. Seit den 2010er Jahren holen Museen einzelne dieser Positionen nach, etwa mit Retrospektiven zu Maria Lassnig.
Auch der technologische Wandel der späten 1990er Jahre spielte eine Rolle: Mit Video, Installation und den Möglichkeiten des Internets verschob sich die Aufmerksamkeit weg von der Staffeleimalerei.
Geblieben ist der Nachweis, dass sich die Malerei nach jeder Absage an sie zurückholen lässt. Wer den Neo-Expressionismus weiterverfolgen möchte, findet in Kiefer, Baselitz und Immendorff die Ausgangspunkte, von denen aus sich die deutsche Gegenwartsmalerei erschließen lässt.
Häufig gestellte Fragen
Was war der Neo-Expressionismus?
Der Neo-Expressionismus war eine internationale Bewegung der Malerei und Skulptur, die gegen Ende der 1970er Jahre entstand und die Figur ins Bild zurückholte. Er berief sich auf den deutschen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts und richtete sich gegen Minimal Art und Konzeptkunst, die zuvor den Ton angegeben hatten. Typisch sind große Formate, dick aufgetragene Farbe und Motive aus Geschichte, Mythos und Alltag.
Eine passende Definition des Neo-Expressionismus
Die tragfähigste Definition beschreibt den Neo-Expressionismus als Sammelbegriff für mehrere nationale Malstile, die um 1980 unabhängig voneinander zur Figur und zur Staffeleimalerei zurückkehrten. Am Bild selbst erkennst du ihn an drei Dingen zugleich: großes Format, erkennbarer Gegenstand und ein Farbauftrag, dem man den Malvorgang ansieht. Fehlt eines davon, handelt es sich meist um eine andere Strömung.
Wo hat sich der Neo-Expressionismus verbreitet?
Die vier wichtigsten Regionen waren Deutschland, Italien, Frankreich und die Vereinigten Staaten, und in jeder trug die Bewegung einen anderen Namen: in Deutschland für die jüngere Generation „Neue Wilde“, in Italien „Transavanguardia“, in Frankreich „Figuration Libre“ und in den USA „Bad Painting“ und „New Image Painting“. Diese Namen stammen von verschiedenen Kritikern und Künstlern und wurden nie zu einem gemeinsamen Programm zusammengeführt.
Ist Jean-Michel Basquiat ein Neo-Expressionist?
Basquiat wird in Überblicksdarstellungen meist dem amerikanischen Neo-Expressionismus zugerechnet, weil er zur selben Zeit, im selben New Yorker Umfeld und mit vergleichbaren Bildmitteln arbeitete: schnelle Pinselschrift, grelle Farbe, figürliche Zeichen. Er kam allerdings aus der Graffiti-Szene und nicht aus einer Kunstakademie, und Schrift spielt bei ihm eine größere Rolle als bei den europäischen Malern der Bewegung.
Wo kann man neoexpressionistische Werke im Original sehen?
Im deutschsprachigen Raum ist das Museum Ludwig in Köln die beste Adresse; dort hängt Immendorffs Café Deutschland I. Das Städel Museum in Frankfurt besitzt mit der Gouache Café Deutschland. Teilbau (1978) ein Blatt aus dem Umfeld der Serie; es gehört zur Graphischen Sammlung und ist nur zeitweise zu sehen. Baselitz‘ Adieu gehört der Tate in London, Kiefers Bohemia Lies by the Sea dem Metropolitan Museum of Art in New York. Da nicht jedes Werk dauerhaft ausgestellt wird, lohnt vor einem Besuch ein Blick in die Online-Sammlung des jeweiligen Hauses.
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du Plessis, A. (2023, 23 August). Neo Expressionismus – Geschichte und Entwicklung des Kunststils. Malen Lernen. https://malen-lernen.org/neo-expressionismus/
Alicia, du Plessis, “Neo Expressionismus – Geschichte und Entwicklung des Kunststils.” Malen Lernen. August 23, 2023. URL: https://malen-lernen.org/neo-expressionismus/
du Plessis, Alicia. “Neo Expressionismus – Geschichte und Entwicklung des Kunststils.” Malen Lernen, August 23, 2023. https://malen-lernen.org/neo-expressionismus/.








