Vielleicht weißt du noch nicht, worum es sich bei „Kubismus“ genau handelt – aber bestimmt hast du schon einmal Bilder von Pablo Picasso gesehen und dich gefragt, was da eigentlich passiert ist. Der Kubismus ist passiert. Wir erklären dir in diesem Beitrag, was der Kubismus ist, was ihn ausmacht und welche bekannten Künstler diese Kunstrichtung geprägt haben.

 

 

 

Was ist der Kubismus?

 

Es handelt sich um eine Stilrichtung der Bildenden Kunst, die um 1906/1907 in Frankreich aufkam und den Fauvismus ablöste. Im Fauvismus waren vorher schon spannende, leicht abstrakte Bilder entstanden, die sich vor allem durch ihre bunten Farben abheben. Berühmtes Beispiel sind einige Bilder von Franz Marc, der dir vielleicht durch die Darstellung von bunten Tieren, vor allem von blauen Pferden, aufgefallen ist.

Der Kubismus war dann noch deutlich experimenteller. Er leitete die Klassische Moderne ein. Als bisher revolutionärste neue Kunstrichtung beeinflusste er auch maßgeblich Bildhauerei und Architektur.

Obwohl zum Kubismus keine theoretischen Niederschriften verfasst wurden, gibt es dazu heute mehr Bücher als zu den anderen Stilrichtungen der modernen Kunst. Daran kannst du vielleicht erkennen, wie sehr dieser künstlerische Umbruch bis heute die Menschen beschäftigt. Zu den wichtigsten Vertretern des Kubismus zählt der bereits anfangs genannte Spanier Pablo Picasso, außerdem spielen die Franzosen Georges Braque und Robert Delauney eine große Rolle.

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Robert Delaunay [Public domain or CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]

 

 


 

Kubismus Merkmale

 

Wenn du ein Foto betrachtest, siehst du es von einem einzigen Standpunkt aus, nämlich von da, wo die Kamera sich befand, als es aufgenommen wurde. Die Perspektive aller Objekte auf dem Bild passt zusammen. In der Kunst hat man lange Zeit Bilder genauso gemalt. Der Betrachter sollte den Eindruck haben, er schaue die Szenerie des Bildes tatsächlich an.

Das wichtigste Merkmal des Kubismus ist, dass er mit dieser Regel bricht. Stell dir also vor, du splitterst das Bild in einzelne Bestandteile auf, die alle aus unterschiedlichen Perspektiven bestehen. So als würdest du einen Teil des Bildes von links, einen von rechts und den nächsten von vorne sehen. Dann klebst du sie so zusammen, dass wieder halbwegs das Objekt entsteht, das du betrachtet hast. 
Der Kubismus zeigt also verschiedene Perspektiven einer Sache gleichzeitig in einem Bild. Man nennt das „vierte Dimension“, weil es schließlich mehr als drei Dimensionen in so einem Bild gibt.

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Juan Gris [CC0]

 

Der Name leitet sich vom lateinischen Wort für „Würfel“, cubus, ab. Das hat damit zu tun, dass das dargestellte Objekt nicht nur auf unterschiedliche Perspektiven, sondern auch auf geometrische Figuren reduziert wird. Figuren und Gegenstände verwandeln sich sozusagen in Ornamente aus Würfeln, Kugeln, Kegeln oder Pyramiden.

Die Kunstrichtung unterteilt sich in zwei Stile mit unterschiedlichen Merkmalen: Den analytischen und den synthetischen Kubismus. Zu beiden Stilen erfährst du gleich mehr. Erst kommen wir noch ein wenig zum geschichtlichen Hintergrund.

 

 


 

Geschichte des Kubismus

 

Als Geburtstunde des Kubismus gilt Pablo Picassos Werk „Les Desmoiselles d’Avignon“, das er im Sommer 1907 fertig stellte. Das Bild zeigt fünf Prostituierte, deren Körper in geometrische Figuren zersplittert zu sein scheinen.

Vielleicht fragst du dich, wie ein Künstler plötzlich auf diese revolutionäre Idee kommt. Doch so plötzlich ist es gar nicht passiert: Picasso hatte sich in den Jahren vorher intensiv mit den Werken anderer Maler, zum Beispiel denen Paul Cézannes, auseinandergesetzt. Außerdem war er auf Masken aus Afrika gestoßen, deren Form und Ästhetik ihn stark beeindruckten. 1907-1909 wird daher auch als Picassos „afrikanische Phase“ bezeichnet. Sie hatte starken Einfluss auf die Entwicklung des Kubismus.

1907 traf Georges Braque auf Picasso. Obwohl er anfangs auf „Les Desmoiselles d’Avignon“ ablehnend reagiert hatte, stellten beide Künstler 1908 fest, dass die Bilder, die beide im vorangegangenen Jahr unabhängig voneinander gemalt hatten, sich mehr und mehr ähnelten. Picasso und Braque waren künstlerisch auf einer Wellenlänge, hatten dieselben Ideen und es entstand eine enge Zusammenarbeit.

Der Kunstkritiker Louis Vauxcelles nannte die Bilder Braques 1908 erstmals spöttisch „kubistisch“ und so war der Name für diese Kunstrichtung geboren. Picasso und Braque entwickelten ihren neuen Stil gemeinsam weiter.

Auch André Derain beteiligte sich immer wieder an dem regen Austausch zwischen den beiden. Betrachter waren anfangs nicht begeistert von den befremdlich wirkenden Bildern. Doch mit ihren Arbeiten inspirierten Picasso und Braque viele andere Künstler – darunter einige, die sich 1910 zur „Puteaux-Gruppe“ zusammenschlossen und selbst „Kubisten“ nannten. Mitglieder der Gruppe waren unter anderem Fernand Léger, Robert Delauney und Marcel Duchamp. Ein Teil der Mitglieder der Gruppe bewegte sich mehr und mehr in Richtung völliger Abstraktion. Auf ihren Bildern waren also gar keine konkreten Objekte mehr zu erkennen, was Picasso und Braque eher ablehnten.

Fernand Léger, Robert Delauney und Marcel Duchamp prägten den Kubismus mit ihrem jeweiligen individuellen Stil.
1911 begann Picassos Ateliernachbar Juan Gris, sich mit dem Kubismus auseinanderzusetzen. Neben Picasso und Braque selbst wurde er zu einem Hauptvertreter des synthetischen Kubismus. Im Gegensatz zu ihnen jedoch versuchte er sein Vorgehen in dieser neuen Kunstrichtung auch theoretisch zu vermitteln.

Mit Beginnen des ersten Weltkriegs 1914 löste sich der Kubismus nach und nach auf. Viele Künstler, darunter auch Braque und Derain, wurden zum Kriegsdienst einberufen. 1915 erlitte Braque eine schwere Kopfverletzung, die er zwar überlebte, die jedoch dazu führte, dass die Freundschaft zwischen ihm und Picasso zerbrach.

 

 


 

Analytischer Kubismus

 

Beim analytischen Kubismus wurden Bildobjekte in einzelne geometrische Figuren zerteilt. Dabei standen aber nicht mehr die Kuben im Vordergrund, wie beim frühen Kubismus, sondern kleine Flächen oder Ebenen, die teilweise überlappten. Häufig wurden diese Flächen durch schwarze, weiße oder andersfarbige Linien begrenzt. Sie wurden simultan aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt. Die Ebenen waren in der Regel in der Mitte des Bildes dichter und zerstreuten sich zum Rand hin.

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Juan Gris [Public domain]

Damit dennoch das Objekt dargestellt werden konnte, wurden nur wenige Farben gewählt, die zusammenpassen. Anfangs waren dies vor allem blassere Farbtöne. Erst später trauten sich die Kubisten, mit Farben zu experimentieren. Analytischer Kubismus zeigt in der Regel Alltagsgegenstände und -situationen als Motive.

Eine Besonderheit des analytischen Kubismus waren Picassos Materialcollagen. Er nutzte Sand, Holz oder Textilien für plastische Effekte. Manche Quellen zählen diese Werke schon zum synthetischen Kubismus.

 

 


 

Synthetischer Kubismus

 

Nur zwei Jahre, etwa von 1912 bis 1914, dauerte diese Richtung des Kubismus an. Sie ist eine Weiterentwicklung des analytischen Kubismus. Im Gegensatz dazu haben die Werke des synthetischen Kubismus kaum Bildtiefe. Außerdem fallen sie durch ihre leuchtenden, bunten Farbtöne auf, die die gedeckten Töne des analytischen Kubismus ersetzten.

Der große Unterschied bestand darin, dass der Künstler nun nicht mehr ein Objekt in einzelne Bestandteile zerlegte, sondern eher ganz unterschiedliche, nicht zusammengehörende Objekte zum Bestandteil eines großen Ganzen machte. Die Vorgehensweise hatte sich also umgekehrt.
Mehr und mehr wurden die Werke zu Klebebildern: Zeitungspapier, Notenblätter, Spielkarten, Tapetenstücke, Werbebanner und Zigarettenschachteln wurden auf die Bilder aufgeklebt und -gemalt. Damit war etwas Neues erfunden worden: Collagen.

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Juan Gris [CC0]

 

 


 

Weiterentwicklung des Kubismus: Der Orphismus

 

Robert Delauney, von dem du oben schon gelesen hast, hat um 1912 den anayltischen Kubismus zu einer weiteren Stilrichtung weiterentwickelt, dem orphischen Kubismus oder auch einfach Orphismus. Der Name stammt von Guillaume Apollinaire, der sich bei der Beschreibung an den Namen „Orpheus“ anlehnte, den Sänger aus der griechischen Mythologie. Delauney selbst war nicht begeistert von dem Namen, da er selbst seinen Stil eher als „zerteilten Kubismus“ bezeichnet hätte.

Beim Orphismus wurde etwas mehr Wert auf das Licht im Bild gelegt, die Formen waren vor allem Kreisgebilde. Ein wichtiges Stilmittel war, dass komplementäre und ähnliche, warme und kalte Farben miteinander kombiniert wurden. Die Bilder waren sehr farbenfroh. Zum Teil waren die Motive abstrakt, zeigten also keine konkreten Objekte.

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Robert Delaunay [Public domain]

 

 


 

Kubismus Künstler und Kubismus Bilder

 

Damit du dir einen besseren Eindruck dieser Kunstrichtung und seinen verschiedenen Stilrichtungen machen kannst, stellen wir dir ein paar Werke ihrer Hauptvertreter vor:

 

Pablo Picasso und Kubismus

 

“Porträt des Ambroise Vollard”
Ein Beispiel für den analytischen Kubismus ist das „Portrait des Ambroise Vollard“ von Picasso aus dem Jahr 1909. Es zeigt diesen Mann durch kubistische Elemente entfremdet in Braun- und Grautönen. Dazu gibt es eine Anekdote: Angeblich erkannten viele Menschen Ambroise Vollard in dem Bild nicht und spotteten über den Stil. Doch der vier Jahre alte Sohn eines Freundes von Vollard soll ihn auf den ersten Blick erkannt haben.
Daraus kannst du ableiten, dass Picasso es trotz der Entfremdung meisterhaft geschafft hat, die charakteristischen Merkmale dieser Person darzustellen.

„Bildnis Fernande Olivier“
Ein weiteres Schlüsselwerk des analytischen Kubismus ist das „Bildnis Fernande Olivier“, das 1909 entstand. Picasso verbrachte einige Zeit mit seiner Geliebten in den Bergen. Das Bild vereint beides: Es zeigt das Gebirge, aus dem sich das Gesicht Fernande Oliviers herausbildet. Auch hier sind die Farben Grau und Braun vorherrschend, nur ein wenig Grün ist dabei.

„Guitars“
Zwischen 1912 und 1914 widmete Picasso sich einer Reihe von Werken, die Gitarren zeigen. Dabei entstanden nicht nur Bilder, sondern auch Skulpturen. Die Serie wird von einigen Kunsthistorikern als Übergang zwischen den zwei Formen des Kubismus betrachtet.

“Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht“
Dieses Bild stellt die erste Collage Picassos dar. Auf der ovalen Leinwand ist im unteren Bereich ein Druck eines Rohrstuhlgeflechts aufgeklebt, bei der du allerdings auf den ersten Blick nicht erkennen kannst, ob es wirklich geklebt oder vielleicht doch aufgemalt ist. Die Ölfarbe, mit der Picasso den Rest des Bildes gemalt hat, liegt auch über dem Rand des bedruckten Wachstuchs, sodass sich traditionelle und moderne, alltägliche Elemente miteinander verbinden.

Georges Braques Kubismus und Kunst

 

„Violine und Krug“
1910 malte Braques das Bild „Violine und Krug“, das beispielhaft für den analytischen Kubismus steht. Wie der Name schon sagt, zeigt es eine Violine und einen Krug, die durch kleine Flächen völlig aufgesplittert wirken. Das Licht der einzelnen Splitter kommt aus verschiedenen Richtungen, dadurch wirkt die Oberfläche des Bildes uneben. Es ist ganz in Braun- und Ockertönen gehalten.

“Obstschale mit Glas“
Diese Kohlezeichnung aus dem Jahr 1912 wurde von Braque mit einer Tapete beklebt, die eine Holzmaserung zeigt. Außerdem zeichnete er Buchstaben in das Werk. Es ist ein gutes Beispiel für den synthetischen Kubismus.

 

Juan Gris

 

„Portrait von Pablo Picasso“
1912 malte Juan Gris das Portrait von Pablo Picasso. Es ist noch im Stil des analytischen Kubismus: gedeckte Farben, vor allem Blau, Grau und Rosa, und ein Picasso, der aus geometrischen Objekten besteht und eine Farbpalette in der Hand hält.

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Juan Gris [Public domain]

Ab 1913 wandte Gris sich dem synthetischen Kubismus zu. Bekannte Werke aus dieser Zeit sind „Die Jalousie“, „Harlekin mit Gitarre“ und „Fantômas“.

 

Franz Marc

„Füchse“
Der Anfangs schon erwähnte Franz Marc, der eigentlich ein Expressionist war, malte 1913 ein Bild im kubistischen Stil. Es zeigt zwei Füchse. Die dominante Farbe ist rot.

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Franz Marc [Public domain]

 

Robert Delauney

Um dir einen Eindruck vom Orphismus zu machen, solltest du dir auf jeden Fall die „Fenster“-Reihe von Robert Delauney ansehen. Diese entstand ab 1909, wurde von ihm aber auch später im Leben wieder aufgegriffen.
1913 malte er das kreisrunde Bild „Le premier disque“, 1914 das „Drame politique“. Beide Bilder spiegeln den Orphismus eindwandfrei wieder.

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Simultaneous Windows (2nd Motif, 1st Part), Robert Delaunay [Public domain]

 

 


 

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Fazit

 

Jetzt hast du einen Überblick darüber bekommen, was es mit dem Kubismus auf sich hatte. Am besten nachvollziehen kannst du die verschiedenen Stile des Kubismus tatsächlich, indem du dir die Bilder einmal ansiehst. Und am besten nachvollziehen kannst du die Bilder dieser Kunstrichtung, wenn du ein wenig Hintergrundwissen dazu hast, wie diese abstrakten Gemälde entstanden sind. Manchmal ist es gut zu wissen, warum ein Künstler auf eine bestimmte, neuartige Idee kam. Dann sieht man seine Werke aus einer ganz neuen Perspektive – wenn nötig auch aus mehreren. Wir hoffen, dieser Beitrag war dir dabei eine Hilfe!

 


 

 

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Kubismus – Geschichte, Merkmale und bekannte Künstler
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