Sucht man im Internet nach «Portrait zeichnen», so spuckt die Suchmaschine auf Anhieb fast 10,5 Millionen Ergebnisse aus. Bei «Landschaft zeichnen» sind es fast 1,5 Millionen weniger.

Offenbar ist das Zeichnen von Portraits etwas, was Menschen besonders fasziniert. Das eigene Gesicht oder das eines anderen mit Stiften auf Papier zu bannen – gerade im Zeitalter der ständigen Verfügbarkeit von Fotos und besonders von Selfies – ist und bleibt eine Königsdisziplin des Malens.

Unsere Gastautorin Mareike Backenköhler ist dem Zeichnen von Portraits besonders verfallen. Mit dem folgenden Crashkurs im Portrait zeichnen wird sie dir zeigen, wieso das so ist.

 

 

 

Dieses Material benötigst du

 

Um ein gutes Portrait zeichnen zu können, brauchst du im Grunde nicht viel. Eigentlich reicht ein Blatt Papier und ein angespitzter Bleistift. Je fortgeschrittener du bist, desto mehr Ausrüstung kannst du beim Zeichnen benutzen.

 

Ich benutze beim Portrait zeichnen folgendes Material:

Was ich nicht verwende, ist ein Radiergummi. Oft verschmiert man damit nur seine Zeichnung und macht sie nicht besser.

 

 


 

Einige Übungen vorweg

 

Natürlich kannst du dir sofort ein Foto greifen und drauflos zeichnen. Willst du aber erst einmal ein wenig warm werden mit dem Portrait zeichnen, gibt es ein paar sehr effektive Übungen.

 

1. Guck dir deine Mitmenschen genau an.

Das klingt banal und vielleicht ein wenig albern. Aber es hilft. Jedes Gesicht hat etwas, das es einzigartig macht. Je mehr Menschen du gezeichnet hast, desto mehr wirst du deine Mitmenschen quasi „mit dem Stift in der Hand“ wahrnehmen.

Manche haben ein besonderes Glänzen in den Augen, der nächste hat diese großartigen Lachfalten, bei dem einen sind die Augenbrauen enger, die Nase größer, usw.

 

2. Schummeln macht den Meister

Es ist keine Schande, die ersten Portraits abzupausen. Damit bekommst du ein gutes Gefühl für Proportionen. Am besten du zeichnest die Umrisse durch und schattierst dann frei Hand.

 

3. Zeichne wann und wo es geht

Einen Stift hat man doch fast immer in der Nähe. Und wenn man gerade eh dem Lehrer, Dozenten oder Chef zuhört, warum nicht gleich ein Portrait von ihm zeichnen? Ich habe damals mit einer Freundin eine ganze Pinnwand in der Schule mit Lehrerportraits zugehängt. Irgendwann waren sie verschwunden. Ich frage mich noch heute, bei wem sie eigentlich zu Hause liegen.

 

 


 

Ein paar Basics

 

Proportionen

Bei einem Portrait sind die Gesichtsproportionen entscheidend. Natürlich ist jedes Gesicht individuell. Ein paar Faustregeln können jedoch nicht schaden:

  • Gesichtsformen gibt es viele unterschiedliche. Grundsätzlich sind sie alle Variationen von einer mehr oder weniger ovalen Form.
  • Der Bereich vom Haaransatz bis zum oberen Augenlid umfasst oft ca. ein Drittel des Gesichts. Oft unterschätzt man die Höhe der Stirn und zeichnet sie zu kurz. Bis zur Nasenspitze folgt ein minimal kleinerer Teil. Gleiches gilt für den unteren Teil des Gesichts bis zum Kinn.
  • Zieht man eine senkrechte Linie durch das Gesicht, so liegen der Punkt zwischen den Augen, Nasenspitze und Amorbogen (die kleine Welle in der Mitte der Oberlippe) auf dieser Linie.
  • Der Rand des Auges zur Nase hin (diese Stelle hat den hässlichen Namen Tränenwärzchen oder Lidwärzchen) liegt auf einer Höhe mit dem Nasenflügel. Von der Nasenwurzel aus kann man eine diagonale Linie zum Mundwinkel ziehen, auf der auch ungefähr der Nasenflügel liegen sollte.

kopf zeichnen
Ich persönlich arbeite nicht mit einem Raster, aber man kann sich gerade zu Beginn ganz gut damit helfen – besonders dann, wenn man ohne Vorlage Gesichter zeichnen will.

Kein Gesicht ist perfekt symmetrisch und kaum eines wird genau diesen Faustregeln entsprechen.

 

Die halbe Miete: das perfekte Auge zeichnen

Worauf schaut man, wenn man mit einem Menschen redet? Achtet einmal drauf. Es ist nicht der Mund. Wir schauen unserem Gegenüber in die Augen. Wenn jemand das nicht tut, irritiert uns das.

Daher bedeuten gelungene Augen auch fast immer ein gelungenes Portrait. Es lohnt sich daher, Augen zeichnen zu üben. Besonders wichtig ist bei den Augen, dass man das Glänzen nicht vergisst. Daher sollte man die Pupillen und die Regenbogenhaut nie ganz ausmalen, sondern Stellen weiß lassen. Die Regenbogenhaut darf man so schattieren, dass sie nach außen hin etwas dunkler wird. So erreicht man einen besonders lebendigen Ausdruck.

augen zeichnen

 

Nase zeichnen

Beim Zeichnen von Nasen ist oft weniger mehr: Es reicht, die Nasenflügel durch leichte Schatten hervorzuheben. Die Nasenlöcher sind niemals rund. Sie ähneln eher Strichen oder Halbkreisen. Die meisten Menschen haben eine kleine Lachfalte vom Nasenflügel aus zum Mund. Diese gibt dem Gesicht oft einen lebendigen, freundlichen Ausdruck.

Oft ist die Nase so breit, dass die Nasenflügel auf Höhe des inneren Augenrandes sind. Ihre Länge von der Wurzel bis zur Spitze umfasst meist etwas weniger als ein Drittel des Gesichts. Da die Nase im Laufe des Lebens nicht aufhört zu wachsen, haben ältere Menschen meistens eine größere Nase.

nase zeichnen

 

Mund zeichnen

Lippen sind oft recht faltig und haben viele Lichtreflexe. Daher sollte man beim Schattieren aufpassen, dass man Stellen auslässt und durch dunklere Linien die typische Struktur erzeugt. Die Oberlippe hat immer den sogenannten Amorbogen, den man durch einen besonders hellen Akzent gut hervorheben kann. Die Öffnung des Mundes ist nie einfach eine gerade Linie, sondern hat eine leichte Wellenform.

mund zeichnen

 

Haare zeichnen

Haare sind – finde ich – die Königsdisziplin beim Zeichnen. Du willst nicht jedes Haar einzeln malen müssen, aber umgekehrt soll es so aussehen, als wachsen da über 100.000 Haare auf dem Kopf – so viele hat der Durchschnittsmensch nämlich. Wichtig ist, dass du mit Schattierungen einen Glanzeffekt erreichst. Dazu sollten die Haare zur Spitze hin dunkler werden, wie beim Pony in dem Beispiel unten. Einen Strähnen Effekt kann man dadurch erreichen, dass man manche Partien insgesamt stärker schattiert und einzelne, dunklere Linien einzeichnet.

haare zeichnen

 

 


 

Schritt für Schritt zum Portrait

 

Nun geht es ans Eingemachte: Du hast ein Foto ausgewählt und willst nun endlich anfangen zu zeichnen. Hier siehst du, in welchen Schritten ich arbeite, um ein Portrait zu zeichnen. Andere werden das anders machen und du wirst sicher mit der Zeit auch deinen eigenen Weg finden.

 

Eine geeignete Vorlage wählen

Die großen Künstler vergangener Jahrhunderte hatten gegenüber uns einen entscheidenden Vor- und Nachteil: Es gab keine Fotos. Das war einerseits ein Vorteil, denn wollte man ein Bild von jemandem haben, so musste man es malen lassen. Das sicherte natürlich die Aufträge. Ein Nachteil war es aber dennoch. Denn das Modell bewegt sich und das macht es sehr, sehr schwer es zu zeichnen.

Daher: Zeichne deine Portraits von Fotos ab.

Dabei ist egal, ob du dir ein Bild deines Lieblingsstars vornimmst oder ein Foto von deiner Oma. Es ist einfacher, wenn du zu Beginn erst einmal ein Bild wählst, wo dein Modell frontal in die Kamera schaut. Bilder im Profil (also seitlich aufgenommen) oder im Halbprofil sind oft etwas schwieriger zu zeichnen.

Schau dir das Bild genau an, bevor du anfängst zu zeichnen. Wie ist die Kopfform? Wie sind die Proportionen? Welche Merkmale stechen besonders hervor? Wo sind Schatten, wo Lichtreflexe?

Für diesen Beitrag habe ich ein Bild meiner Uroma ausgewählt. Bilder von älteren Menschen finde ich besonders spannend, weil sie durch all die Falten eine ganz eigene Geschichte erzählen.

 

Schritt 1: Proportionen vorzeichnen

Ich nehme zunächst einen harten bis mittelharten Bleistift (z.B. 2H oder H) und skizziere die Umrisse des Gesichts. Hierfür nehme ich mir Zeit und vergleiche immer wieder mit dem Foto. Die Vorzeichnungen sind schließlich der Grundstein für alles, was nun folgt. Manchen hilft es, mit einem Raster zu arbeiten.

portrait zeichen anleitung

Schritt 2: Erste Schattierungen

Mit einem harten Bleistift schattiere ich nun die Stellen, die hinterher besonders dunkel werden sollen. Auch hierbei vergleiche ich immer wieder mit dem Foto: Sind die Schatten wirklich da, wo sie nachher hinsollen? Im nächsten Schritt bearbeite ich meine bisherigen Schattierungen mit dem Papierwischer. Dadurch werden sie weicher und lassen sich besser herausarbeiten.

 

Schritt 3: Details nachzeichnen

Details wie Fältchen, Augenbrauen und Haare zeichne ich nun mit einem Druckminenbleistift mit weicher Mine (z.B. 2B) nach. Auch die Schattierungen dunkel ich nach. Dabei achte ich besonders auf kleinere Fältchen; diese machen das Gesicht lebendig. Es hilft spätestens jetzt, ein Blatt Papier unter die Zeichenhand zu legen, damit man nicht ständig durch das Gemalte wischt.

portrait zeichen anleitung

 

Schritt 4: Akzente setzen

Das Portrait ist nun fast fertig. Es braucht nur noch die letzten Akzente, um besonders lebendig zu wirken. Die Pupillen dunkel ich mit einem Kohlestift ab. Ebenso die besonders dunklen Schatten. Lichtreflexe hebe ich mit einem weißen Kreidestift oder einem weißen Gelstift hervor. Besonders toll wirkt das, wenn man kein weißes Papier, sondern gelbliches oder gräuliches verwendet hast.

 

Tipp: Glatt gibt es nicht! Werbung, Instagram und Co gaukeln es uns zwar vor, aber jeder von uns weiß: Kein Gesicht ist einfach glatt. Dein Portrait sieht besonders echt aus, wenn du Sommersprossen, Fältchen und Poren andeutest.

portrait zeichen anleitung

 

 


 

Mischtechniken

 

Nicht nur Bleistiftportraits wirken toll. Mit Aquarellfarben kann man noch tolle farbige Akzente setzen. Ich persönlich koloriere meine Portraits eher selten. Meistens dann, wenn ich eine bestimmte Aussage unterstreichen möchte.

Tipp: Verwende für dein Portrait dickeres Papier, wenn du farbige Akzente setzen willst. Sonst kann das Papier die Farbe nur schlecht aufnehmen.

portrait mixed media

 

Zunächst habe ich dazu die Erdkugel mit Aquarellfarben eingefärbt. Wichtig ist dabei, keine deckenden Farbflächen zu erzeugen. Weniger ist mehr! Lieber mit sehr stark verdünnter Farbe arbeiten und freie Flächen lassen. Nur an den Stellen, an denen der Schatten sein soll, darf etwas mehr Farbe verwendet werden.

Besonders gerne setze ich Akzente mit einer Art Kleckstechnik. Für kleinere Sprenkel verwende ich einen Borstenpinsel und tauche ihn in die Aquarellfarbe. Mit dem Finger fahre ich dann durch die Borsten, sodass die Sprenkel auf dem Bild (und überall anders) entstehen. Für die größeren Kleckse nehme ich einen Haarpinsel und tunke ihn in stark verdünnte Aquarellfarbe. Mit ein wenig Schwung lasse ich die Farbe dann auf das Bild tropfen.

 

Achtung: Wenn du so gemalt hast, schaue unbedingt in den Spiegel, bevor du das nächste Mal das Haus verlässt. Bestimmt hast du die ein oder andere bunte Sommersprosse dazu gewonnen… 🙂

 

 


 

Ein Tipp zum Schluss

 

Ich habe bestimmt tausende Portraits gezeichnet, bevor ich Lob dafür geerntet habe. Inzwischen ist das auch wieder vorbei, weil sich jeder nur noch fragt «Wo sollen wir mit dem Bild denn nun schon wieder hin?». Ich höre trotzdem nicht auf zu zeichnen, besonders Portraits sind für mich immer wieder spannend, weil jedes Gesicht beim Zeichnen etwas Anderes zu bieten hat. Aber noch immer missglücken mir viele, viele Portraits.

Gib also nicht auf, weil du mal mit einem Bild nicht zufrieden bist. Zeichnen macht so viel Freude und eines ist sicher: Jeder kann Zeichnen lernen.

 

 

mareike backenkoehler

Mareike Backenköhler

Mareike Thea Backenköhler, geb. 1991 in Delmenhorst in Norddeutschland, verfolgte das Malen und Zeichnen schon immer mit großer Freude. Dennoch widmete sie sich nach dem Abitur 2010 zunächst ihren anderen großen Leidenschaften Musik und Literatur. So zog es sie zum Studium der Musikpädagogik und Germanistik nach Lübeck, Hamburg, Bremen und Oldenburg.

Heute lebt sie in Oldenburg und arbeitet in der Nähe als Gymnasiallehrerin. In ihrer Freizeit zeichnet sie vor allem Portraits, die sie auf ihrem Instagram-Account (@mariithea) präsentiert.

https://www.instagram.com/mariithea

 

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Portrait zeichnen lernen – Anleitung Schritt für Schritt
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