Gerda Wegener – Kunst, Karriere und Lili Elbe
Gerda Wegener verband elegante Porträts, pointierte Pressezeichnungen und moderne Modebilder zu einer Bildsprache, die zwischen Kopenhagen und Paris Karriere machte. Besonders aufschlussreich wird ihr Werk dort, wo Kunst, Inszenierung und die Zusammenarbeit mit Lili Elbe ineinandergreifen. Du erfährst, welche Wendepunkte belegt sind, woran du Wegeners Stil erkennst und warum der Spielfilm „The Danish Girl“ keine verlässliche Biografie ersetzt.
Wer war Gerda Wegener?
Gerda Maria Frederikke Wegener, geborene Gottlieb, war eine dänische Malerin, Zeichnerin und Illustratorin. Ihre Bedeutung liegt nicht allein in ihren häufig reproduzierten Bildern von Lili Elbe. Sie entwickelte eine vielseitige Berufspraxis, die Zeitungszeichnung, Buchillustration, Werbung, Porträt und Ausstellungskunst miteinander verband. In Kopenhagen erregte sie früh öffentliche Aufmerksamkeit; in Paris fand sie Auftraggeber, Ausstellungsräume und institutionelle Anerkennung.

Diese Laufbahn lässt sich nicht auf eine einzige Stilbezeichnung reduzieren. Wegener bewegte sich zwischen freier und angewandter Kunst, also zwischen eigenständig ausgestellten Bildern und Arbeiten für einen konkreten Gebrauch wie Zeitschriften, Bücher oder Anzeigen. Gerade dieser Wechsel erklärt, weshalb Mode, Typografie, gesellschaftliche Rollen und sorgfältig arrangierte Posen in ihrer Malerei so selbstverständlich zusammenfinden.
Eckdaten und frühe Jahre
Wegener wurde am 15. März 1885 in der Gemeinde Hammelev im damaligen Amt Randers geboren und starb am 20. Juli 1940 in Frederiksberg.
Auch ihr Name kann Verwirrung stiften: In frühen Zusammenhängen begegnet sie als Gerda Gottlieb, nach ihrer Heirat als Gerda Wegener. Sie heiratete 1904 die Kunstschaffende, die später als Lili Elbe bekannt wurde. Im selben Zeitraum begann Wegener, Arbeiten in Kopenhagen auszustellen. Ehe, Ausbildung und erster öffentlicher Auftritt verliefen somit nicht nacheinander, sondern überschnitten sich in einer arbeitsreichen frühen Phase.
Ausbildung und Kopenhagener Durchbruch
Nach frühem Unterricht und dem Besuch privater Vorbereitungsschulen studierte Wegener von 1902 bis zum Frühjahr 1905 an der Frauenschule der Königlich Dänischen Kunstakademie. Zu ihren Lehrern gehörte Viggo Johansen. Bereits ab 1904 beteiligte sie sich an Ausstellungen und verfolgte zwei berufliche Wege zugleich: die Anerkennung durch Kunstinstitutionen und den Aufbau einer bezahlten Tätigkeit als Zeichnerin.
Gerda Wegener auf einer Fotografie von 1904, während ihrer Ausbildungszeit in Kopenhagen. Bild: C. L. Wilhelm Kihlstrøm (1870–1923) via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Ein Porträt der Schriftstellerin Ellen von Kohl machte 1907 sichtbar, wie konfliktreich der institutionelle Weg sein konnte. Wegener hatte es 1906 gemalt, doch sowohl Charlottenborg als auch Den Frie lehnten das Werk ab. Die Entscheidung löste eine öffentliche Kunstdiskussion aus, die unter dem Namen Bondemalerstriden bekannt wurde. Wegener beließ es nicht bei der Zurückweisung, sondern zeigte das Bild selbst. So wurde aus einer Juryentscheidung ein öffentlich wahrnehmbarer Streit über künstlerische Maßstäbe.
Bei Wettbewerben der Zeitung Politiken erhielt Wegener 1908 und 1909 Auszeichnungen; anschließend folgten weitere Illustrationsaufträge für die Zeitung. Studienreisen nach Paris und Rom in den Jahren 1908 und 1909 erweiterten ihren beruflichen Horizont. 1912 verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Paris. Der Umzug war damit kein plötzlicher Ausbruch aus Kopenhagen, sondern der nächste Schritt nach Ausbildung, Ausstellungserfahrung, Pressearbeit und ersten Auslandsaufenthalten.
Paris: Illustration, Porträt und Art déco
Paris bot Wegener keinen einzelnen, geradlinigen Karriereweg. Die Stadt eröffnete ihr vielmehr mehrere Märkte, zwischen denen sie sicher wechselte. Sie malte Porträts und Figurenbilder, illustrierte Bücher, entwarf Werbung und arbeitete für Zeitschriften. Hinzu kamen Stillleben, dekorative Arbeiten und Beteiligungen an Ausstellungen. Diese Felder waren für sie keine getrennten Welten: Eine prägnante Kontur konnte in einer gedruckten Zeichnung ebenso funktionieren wie in einem Gemälde.
Gerda Wegener – ‘En sommerdag’, 1927. Gerda Wegener – „A Summer Day“ (‘En sommerdag’), 1927. Bild: Gerda Wegener via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Zwischen Zeitschrift, Buch und Salon
Zu Wegeners Pariser Auftraggebern gehörten La Vie Parisienne und Vogue. Außerdem zeichnete sie für Fantasio und Le Rire. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie unter anderem für die satirische Zeitschrift La Baïonnette. Dadurch bewegte sie sich zwischen Modezeichnung, Gesellschaftsszene und Satire. Ihre Bilder mussten Figuren rasch charakterisieren, Kleidung deutlich lesbar machen und auf einer gedruckten Seite eine klare Wirkung entfalten.
Parallel blieb Wegener als Malerin aktiv und beteiligte sich an Salons. Die gedruckten Arbeiten setzen auf klar lesbare Figuren, deutlich gefasste Kleidung und kompakte Kompositionen. In den Gemälden treten Farbe, Materialwirkung und komplexere Innenräume stärker hervor. Klare Silhouetten, auffällige Accessoires und sorgfältig arrangierte gesellschaftliche Rollen verbinden beide Arbeitsfelder.
1925 vertrat Wegener Frankreich bei der Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes in Paris. Sie erhielt dort mehrere Medaillen, darunter Goldauszeichnungen. Auch französische Staatsankäufe belegen, dass ihre Anerkennung nicht nur auf populären Illustrationen beruhte. Sie erreichte sowohl den Zeitschriftenmarkt als auch die Institutionen der Ausstellungskunst.
Woran du Wegeners Stil erkennst
Wegeners Arbeiten der 1920er Jahre werden häufig mit dem Art déco verbunden. Bei ihr zeigt sich diese Nähe in klar gegliederten Flächen, modischer Eleganz und einer kontrollierten Inszenierung. Die Figuren wirken selten zufällig beobachtet. Haltung, Frisur, Schmuck und Möbel erscheinen vielmehr so aufeinander abgestimmt, als hätte Wegener eine Bühne für den jeweiligen Auftritt gebaut.
Ulla Poulsen by Gerda Wegener. This is a study for Wegener’s painting of Ulla Poulsen as she appeared in the ballet Chopiniana in Paris in 1927. That painting is now in the Danish Theatre Museum. See „Other versions“. Bild: Gerda Wegener via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Ein besonders verlässliches Erkennungsmerkmal ist die Linie. Geschwungene Konturen fassen Körper und Kleidung zusammen, während Muster und Farbflächen die Bildoberfläche ordnen. Gesichter, Hände und Accessoires erhalten genügend Einzelheiten, um eine Person oder Rolle zu kennzeichnen, ohne den dekorativen Gesamtzusammenhang aufzulösen. Der Blick der dargestellten Person ist dabei oft ein aktives Gestaltungsmittel: Er kann Distanz schaffen, Selbstbewusstsein vermitteln oder die Betrachtenden direkt in die Inszenierung einbeziehen.
Wegener selbst nannte das französische Rokoko und Aubrey Beardsley als Bezugspunkte. Mit Rokoko ist hier die Vorliebe für elegante Figuren, ornamentale Formen und inszenierte Geselligkeit gemeint. Bei Beardsley lag der Anschluss in der zugespitzten Kontur und der dekorativen Wirkung der Zeichnung. Auch ein Vergleich mit dem Jugendstil kann beim Betrachten helfen. Eine formale Ähnlichkeit ist jedoch kein Beleg für einen direkten Einfluss; dokumentierte Bezugspunkte und nachträgliche Stilvergleiche sollten getrennt bleiben.
Das 1927 in Paris signierte Bild der Tänzerin Ulla Poulsen in „Chopiniana“ zeigt diese Arbeitsweise an einem Bühnenmotiv. Bewegung, Kostüm und Pose werden zu einer sorgfältig geordneten Erscheinung. Das Werk gehört zum Theatermuseum im Kopenhagener Hoftheater und macht deutlich, wie gut Wegener Porträt, Mode und darstellerische Rolle verbinden konnte.
Gerda Wegener und Lili Elbe: Zusammenarbeit statt Filmmythos
Lili Elbe war für Wegener Ehepartnerin, wiederkehrendes Modell und Teil des beruflichen Alltags. Diese Rollen lassen sich belegen, ohne private Gefühle aus den Gemälden herauszulesen. Entscheidend ist, die Zusammenarbeit weder auf ein romantisches Filmbild zu verkürzen noch Elbe als bloßes Motiv vor der Staffelei zu behandeln.
Modell, Malerin und Mitgestalterin
Elbe saß für zahlreiche Bilder Modell. Zugleich übernahm sie geschäftliche Aufgaben, half bei Bildhintergründen und arbeitete eng im Atelier mit Wegener zusammen. Neuere Forschung beschreibt sie deshalb als Mitgestalterin der gemeinsamen Berufspraxis. Das bedeutet nicht, jedes Gemälde automatisch zu einem Gemeinschaftswerk zu erklären. Die Signatur und künstlerische Verantwortung Wegeners bleiben ebenso wichtig wie Elbes dokumentierter Anteil an den Bedingungen, unter denen die Bilder entstanden.
Gerda Wegener – Portræt af Lili Elbe med grøn fjervifte – 1920. Lili Elbe was the name used by the artist’s partner, who was a trans woman. Bild: Gerda Wegener via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Ein greifbares Beispiel ist das „Portræt af Lili Elbe med grøn fjervifte“ von 1920. Das Ölgemälde misst 82 × 61 Zentimeter. Schon der titelgebende grüne Federfächer zeigt, wie Wegener ein Modeaccessoire zur Bildform macht: Das Objekt gehört zur dargestellten Person und zugleich zur dekorativen Inszenierung. Solche Porträts sind daher mehr als biografische Dokumente. Sie zeigen, wie Modell, Kleidung, Pose und malerische Ordnung gemeinsam eine öffentliche Erscheinung erzeugen.
Für die Einordnung ist eine einfache Unterscheidung hilfreich: Elbes Modellarbeit betrifft das sichtbare Gegenüber im Bild; ihre Atelier- und Geschäftsarbeit betrifft den Herstellungsprozess; die Bezeichnung als Mitgestalterin bewertet diese belegte Zusammenarbeit. Keine dieser Ebenen erlaubt für sich allein sichere Aussagen über die private Intimität des Paares.
Was belegt ist und was offenbleibt
Die erste Ehe wurde 1930 aufgelöst. Über das private Verhältnis sind nur lückenhafte und teilweise redaktionell bearbeitete Überlieferungen erhalten. Aussagen über sexuelle Orientierung, persönliche Motive oder konkrete Gefühle lassen sich deshalb nicht zuverlässig aus späteren Erzählungen, Kostümen oder Gemälden ableiten.
„The Danish Girl“ ist ein fiktionalisierter Spielfilm und keine Dokumentation. Seine Handlung vereinfacht die Biografien und legt fälschlich nahe, Elbe habe das Malen aufgegeben. Wer den Film als Einstieg kennt, sollte seine Szenen daher nicht zur Datierung von Werken oder zur Rekonstruktion des Atelieralltags verwenden. Der belastbare Kern ist differenzierter: Elbe arbeitete selbst künstlerisch, stand Wegener wiederholt Modell und beteiligte sich an praktischen sowie geschäftlichen Teilen der gemeinsamen Berufspraxis.
Diese nüchterne Trennung macht die Beziehung nicht weniger bedeutend. Sie verhindert vielmehr, dass Wegener zur Nebenfigur einer Filmhandlung und Elbe zum passiven Gegenstand ihrer Bilder wird. Beide waren Kunstschaffende; wie weit die gemeinsame Ideenfindung bei einem einzelnen Werk reichte, muss jedoch offenbleiben, wenn dazu kein konkreter Beleg vorliegt.
Werke lesen: Von Ellen von Kohl bis „Lily“
Wegeners Bilder erschließen sich besonders gut, wenn du zunächst das Sichtbare beschreibst und erst danach deutest. Achte auf Kontur, Pose, Blickrichtung, Kleidung, Farbe und Raum. Diese Reihenfolge bewahrt vor vorschnellen biografischen Schlüssen und zeigt zugleich, wie präzise Wegener Figuren für eine bestimmte Wirkung arrangierte.
Das Ellen-Porträt und der Streit von 1907
Beim 1906 entstandenen Porträt von Ellen von Kohl ist vor allem die dokumentierte Reaktion wichtig. Zwei maßgebliche Kopenhagener Ausstellungsorte lehnten es 1907 ab, worauf Wegener das Werk selbst präsentierte. Das Bild wurde damit zum Auslöser einer öffentlichen Auseinandersetzung über dänische Malerei. Sein Stellenwert beruht nicht auf einer später erfundenen Skandalgeschichte, sondern auf der nachvollziehbaren Abfolge von Ablehnung, eigener Präsentation und Debatte.
Der Vorgang zeigt außerdem, dass Porträtmalerei mehr leisten kann als die äußere Ähnlichkeit mit einer Person. Ein Porträt tritt in ein Geflecht aus Erwartungen ein: Wer darf ausstellen, welche Darstellungsweise gilt als angemessen und wer entscheidet darüber? Wegeners Reaktion war praktisch. Sie wartete nicht auf die nächste Juryentscheidung, sondern schuf dem zurückgewiesenen Bild eine eigene Öffentlichkeit.
Nahbetrachtung: „Lily“ von 1922
„Lily“ entstand um 1922 als Ölbild auf Leinwand und misst 73,2 × 60 Zentimeter. Das leicht hochrechteckige Format konzentriert den Blick auf die Halbfigur. Hinter ihr stehen ein karminrotes Sofa und eine geometrisch gegliederte Atelierkulisse. Der Raum wirkt daher nicht wie ein beiläufig erfasster Wohnraum, sondern wie eine bewusst gebaute Bildbühne.
- Beginne mit der Haltung: Der Körper ist gedreht, während sich das Gesicht den Betrachtenden zuwendet. Aus dieser Spannung zwischen Bewegung und frontalem Kontakt entsteht Präsenz.
- Prüfe den Blick: Lily schaut direkt aus dem Bild. Sie erscheint dadurch nicht als unbemerkte Beobachtungsfigur, sondern erwidert den Blick des Publikums.
- Lies Frisur und Kleidung: Bubikopf, perlmuttrosa Kleidung und Schmuck markieren eine moderne Erscheinung der 1920er Jahre. Wegener behandelt Mode nicht als nebensächliche Dekoration, sondern als Teil der Figur.
- Vergleiche Figur und Möbel: Das kräftige Rot des Sofas setzt einen deutlichen Gegenakzent zur helleren Kleidung. Die Figur bleibt klar erkennbar, ist aber eng in die Farbordnung des Innenraums eingebunden.
- Folge der Kontur: Geschwungene Linien halten Körper, Stoff und Silhouette zusammen. Darin lässt sich die Nähe zwischen Wegeners Illustration und ihrer Malerei erkennen.
- Trenne Beobachtung und Deutung: Pose, Blick, Kleidung und Raum sind sichtbar. Eine heutige Lesart kann fragen, wie das Bild Geschlechterrollen inszeniert; sie darf daraus aber keine unbelegten privaten Selbstbeschreibungen ableiten.
Diese Betrachtungsweise erklärt, warum „Lily“ zugleich als Porträt, Modebild und sorgfältige Rolleninszenierung funktioniert. Die dargestellte Person besitzt einen direkten Blick, während Sofa, Schmuck, Frisur und Atelier den Auftritt rahmen. Das Bild liefert keine einfache biografische Aussage. Es zeigt vielmehr, wie Wegener Sichtbarkeit mit malerischen Mitteln organisiert.
Auch die Sammlungsgeschichte ist ungewöhnlich gut fassbar. Der französische Staat kaufte „Lily“ 1927 an; 1928 wurde das Werk der heutigen Sammlung des Centre Pompidou zugewiesen. Dort trägt es die Inventarnummer JP 445 P. Der Ankauf belegt institutionelle Anerkennung zu Wegeners Lebzeiten, sagt jedoch nichts darüber aus, ob das Gemälde gegenwärtig in den Ausstellungsräumen hängt.
Drei Werke in französischen Staatssammlungen
Neben „Lily“ dokumentiert das Centre Pompidou zwei weitere staatlich erworbene Arbeiten. „Dame à l’anémone“ von 1922 ist ein nahezu quadratisches Ölgemälde von 81,8 × 81,5 Zentimetern. Frankreich kaufte es bereits 1923 an; die Inventarnummer lautet JP 304 P. Das fast quadratische Format gibt der Figur eine andere räumliche Spannung als das schmalere Hochformat von „Lily“.
„La Sieste“ entstand ebenfalls um 1922, doch Wegener verwendete Graphit und Aquarell auf Papier. Das 50 × 60 Zentimeter große Blatt wurde 1932 vom französischen Staat erworben und wird unter JP 630 P geführt. Der Vergleich macht die technische Spannweite sichtbar: Öl erlaubt eine geschlossene, farbkräftige Bildfläche, während Graphit und Aquarell eine leichtere, zeichnerische Behandlung ermöglichen.
Die drei Erwerbungen markieren verschiedene Zeitpunkte institutioneller Anerkennung: 1923 für „Dame à l’anémone“, 1927 mit späterer Zuweisung für „Lily“ und 1932 für „La Sieste“. Sie belegen Sammlungseigentum, aber keine dauerhafte Präsentation. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn du einen Museumsbesuch planst oder Angaben aus einer Online-Sammlung liest.
Für den Vergleich von Einzelporträt und gesellschaftlicher Gruppe eignet sich „En sommerdag“, auf Deutsch „Ein Sommertag“, von 1927. Statt eine einzelne Halbfigur vorzuführen, arrangiert Wegener hier mehrere Personen als zusammenhängende Szene. Das Werk hilft zu erkennen, dass ihre dekorative Ordnung nicht auf das Porträt beschränkt war. Auch in einer Gruppe werden Körperhaltungen und Abstände zu Mitteln sozialer Inszenierung.
Marokko, Rückkehr und museale Perspektiven
Nach dem Ende der ersten Ehe veränderten sich Wegeners Lebensorte und Motive erneut. Diese späte Phase sollte weder als bloßer Nachklang der Pariser Jahre noch als exotische Episode gelesen werden. Sie verbindet eine zweite Ehe, Aufenthalte in Marokko, weitere Reisen und schließlich die Rückkehr in den Raum Kopenhagen.
Marokkanische Motive und die letzten Jahre
Wegener heiratete 1931 Fernando Porta und lebte zeitweise mit ihm in Marokko. Dort erweiterte sie ihr Motivspektrum. Ein konkret dokumentiertes Beispiel ist „Marokkansk par“ von 1933, ein 21 × 26 Zentimeter großes Aquarell mit Bleistift. Schon Technik und kleines Format unterscheiden das Blatt von den repräsentativen Ölgemälden der Pariser Jahre.
Gerda Wegener – Marokkansk par – 1933. A Moroccan couple. Bild: Gerda Wegener via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Bei der Betrachtung solcher Arbeiten gehört der koloniale historische Kontext dazu. Die dargestellten Personen dürfen nicht nur als dekorative Zeichen eines vermeintlich fremden Ortes behandelt werden. Gleichzeitig wäre es unbelegt, Wegener allein anhand eines einzelnen Aquarells bestimmte politische Überzeugungen oder persönliche Beziehungen zu den Modellen zuzuschreiben. Sinnvoller ist es, genau zu benennen, wie Personen angeordnet, welche Details hervorgehoben und welche Unterschiede zu ihren Pariser Gesellschaftsbildern sichtbar werden.
Die Ehe mit Porta endete 1936. Nach Stationen in Italien und Paris verbrachte Wegener ihre letzten rund zwei Jahre wieder im Raum Kopenhagen. Sie starb am 20. Juli 1940 in Frederiksberg. Pariser Aufträge, die Medaillen von 1925 und französische Staatsankäufe belegen ihren internationalen Erfolg.
ARKEN und K20: zwei Ausstellungen im Blick
Das ARKEN Museum of Modern Art zeigte von 2015 bis 2017 eine Retrospektive mit 178 Arbeiten. Sie war damals die umfangreichste Ausstellung zu Wegener und führte zahlreiche Beispiele ihrer Malerei und Illustration zusammen.
Die drei Werke im Centre Pompidou zeigen, dass Frankreich ihre Kunst schon zu ihren Lebzeiten ankaufte: „Dame à l’anémone“ 1923, „Lily“ 1927 und „La Sieste“ 1932. Die ARKEN-Retrospektive stellte diesen historischen Erfolg in einen breiteren Überblick über Wegeners Schaffen.
Vom 27. September 2025 bis zum 15. Februar 2026 bezog die K20-Ausstellung „Queere Moderne. 1900 bis 1950“ Wegener in ein Kapitel über Bildwelten ein, die überlieferte Geschlechterkonventionen herausforderten. Das ist eine heutige kuratorische Lesart, keine nachträgliche Selbstbezeichnung der Künstlerin. Sie lenkt den Blick auf Inszenierung, Sichtbarkeit und Zusammenarbeit, muss aber mit den jeweils belegbaren Lebens- und Werkdaten verbunden bleiben.
Wegeners Platz unter den Künstlerinnen der Kunstgeschichte wird am klarsten, wenn weder Filmhandlung noch Stilwort die Betrachtung beherrschen. Ihre Konturen, arrangierten Räume und modischen Figuren gehören ebenso dazu wie Pressearbeit, staatliche Ankäufe und die professionelle Partnerschaft mit Lili Elbe. Diese Verbindung erklärt ihre Leistung genauer als das Etikett einer bloßen Art-déco-Ikone.
Häufige Fragen zu Gerda Wegener
Einige Angaben zu Wegener werden häufig verkürzt oder miteinander vermischt. Die folgenden Antworten klären besonders hartnäckige Unsicherheiten und unterscheiden zwischen Werkbestand, Stilbegriff und biografischer Deutung.
Wann wurde Gerda Wegener geboren und wann starb sie?
Gerda Wegener wurde am 15. März 1885 in Hammelev geboren und starb am 20. Juli 1940 in Frederiksberg. Manche Kurzbiografien nennen abweichende Daten; für eine verlässliche Chronologie gelten der 15. März 1885 und der 20. Juli 1940.
Welchem Kunststil wird Gerda Wegener zugeordnet?
Vor allem ihre Arbeiten der 1920er Jahre werden dem Art déco zugeordnet. Die Bezeichnung erfasst die klaren Flächen, eleganten Figuren und modische Inszenierung, aber nicht ihr gesamtes Werk. Wegener schuf auch Pressezeichnungen, Satire, Werbung, Buchillustrationen, Stillleben und Aquarelle. Als eigene Bezugspunkte nannte sie zudem das französische Rokoko und Aubrey Beardsley.
Welche Rolle spielte Lili Elbe in Wegeners Kunst?
Lili Elbe war wiederkehrendes Modell und wirkte an der Berufspraxis mit. Belegt sind geschäftliche Aufgaben, Hilfe bei Bildhintergründen und eine enge Atelierzusammenarbeit. Deshalb lässt sie sich als Mitgestalterin verstehen, ohne pauschal jedes Gemälde zum Gemeinschaftswerk zu erklären oder aus den Bildern unbelegte private Aussagen abzuleiten.
Welche Werke von Gerda Wegener besitzt das Centre Pompidou?
Dokumentiert sind „Dame à l’anémone“ von 1922, „Lily“ von etwa 1922 und „La Sieste“ von etwa 1922. Zusammen zeigen die Werke Ölmalerei und eine Arbeit auf Papier sowie mehrere staatliche Ankaufsmomente. Die Objektdatensätze belegen ihren Platz in der Sammlung, nicht ihre aktuelle Ausstellung. Vor einem Besuch solltest du die aktuelle Hängung deshalb separat prüfen.
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du Plessis, A. (2026, 12 September). Gerda Wegener – Kunst, Karriere und Lili Elbe. Malen Lernen. https://malen-lernen.org/gerda-wegener/
Alicia, du Plessis, “Gerda Wegener – Kunst, Karriere und Lili Elbe.” Malen Lernen. September 12, 2026. URL: https://malen-lernen.org/gerda-wegener/
du Plessis, Alicia. “Gerda Wegener – Kunst, Karriere und Lili Elbe.” Malen Lernen, September 12, 2026. https://malen-lernen.org/gerda-wegener/.







