Monets „Iris“: 30-Millionen-Schätzung ist kein Frankreich-Rekord
Sotheby’s hat Claude Monets monumentales Gemälde Iris (1924–25) vorgestellt und für die Pariser Auktion am 22. Oktober auf 22 bis 30 Millionen Euro geschätzt. Das Auktionshaus bezeichnet dies als Frankreichs höchste jemals angesetzte Schätzung für ein Gemälde; zudem könnte das Werk laut The Art Newspaper einen nationalen Verkaufsrekord aufstellen. Eine dokumentierte Pariser Auktion von 1989 erreichte jedoch sowohl eine höhere Schätzung als auch ein höheres Ergebnis.
Was Sotheby’s am 22. Oktober anbietet
Das 160 mal 180 Zentimeter große Ölgemälde entstand in Monets letztem Jahrzehnt in Giverny. Sotheby’s zufolge ist es die größte Leinwand aus der Werkgruppe Iris, die je auf den Markt gekommen ist. Vor ihrer Präsentation in Paris am 17. September soll sie noch nie öffentlich ausgestellt worden sein.
Iris führt 28 Werke aus der Sammlung von Jeanne Schlumberger an, deren Gesamtwert Sotheby’s auf mehr als 40 Millionen Euro beziffert. Dazu gehören drei weitere Gemälde von Monet, darunter Saule pleureur (1918–19) mit einer Schätzung von 9 bis 12 Millionen Euro. Nach dem Bericht von EFE bezeichnete Sotheby’s beide Hauptwerke als nicht doubliert und nicht gefirnisst. Das ist eine Zustandsangabe des Auktionshauses, kein unabhängiges Konservierungsgutachten.
Für keines der Lose besteht eine Garantie, berichtete The Art Newspaper. Die endgültige Höhe hängt damit von den Geboten ab und nicht von einer vorab zugesicherten Mindestzahlung durch Sotheby’s oder einen Dritten.

Warum Picassos Pariser Verkauf von 1989 die Rekordbehauptung verändert
Die uneingeschränkte Behauptung, 22 bis 30 Millionen Euro seien Frankreichs höchste Schätzung für ein Auktionsgemälde, hält dem historischen Vergleich nicht stand. Das Archiv des Musée national Picasso-Paris besitzt einen eigenen Aktenbestand zur öffentlichen Versteigerung von Pablo Picassos Les Noces de Pierrette am 30. November 1989. Ein zeitgenössischer Bericht von Le Monde nennt eine Schätzung von 300 bis 400 Millionen französischen Franc und einen Zuschlag von 300 Millionen Franc bei Drouot-Montaigne in Paris. Le Monde bezeichnete das Ergebnis ausdrücklich als Rekordverkauf in Frankreich.
Der unwiderruflich festgelegte Umrechnungskurs der Europäischen Kommission beträgt 1 Euro zu 6,55957 französischen Franc. Damit entspricht die damalige Schätzung nominal etwa 45,735 bis 60,980 Millionen Euro und der Zuschlag rund 45,735 Millionen Euro. Ein späterer Bericht von Le Monde nennt einen Gesamtpreis von 314,9 Millionen Franc einschließlich Gebühren, entsprechend etwa 48,006 Millionen Euro. Dabei handelt es sich um nominale Umrechnungen ohne Inflationsbereinigung.
| Pariser Gemäldeverkauf | Zuschlag | Mit Gebühren |
|---|---|---|
| Picasso, Les Noces de Pierrette (1989) | 300 Mio. FRF (entspricht 45,735 Mio. €) | 314,9 Mio. FRF (entspricht 48,006 Mio. €) |
| Picasso, Buste de femme au chapeau à fleurs (2025) | 27 Mio. € | 32.012.397 € |
| Für Chardins Le Melon entamé stiegen die Gebote 2024 auf 23 Millionen Euro; mit Gebühren wurden 26,73 Millionen Euro gemeldet. Der Käufer zahlte jedoch nicht, sodass der Auktionsverkauf nicht vollzogen wurde. | ||
Weil die Auktion von 1989 mit einem Saal in Tokio verbunden war, könnte eine eng definierte Rangliste geografisch anders abgegrenzt werden. Le Monde verortete den Zuschlag jedoch bei Drouot-Montaigne und sprach von einem französischen Rekord; auch das Picasso-Museum führt den Vorgang als öffentliche Versteigerung vom 30. November. In den am 17. September veröffentlichten Berichten wurde Sotheby’s Behauptung weder auf die Euro-Ära noch auf Auktionen in nur einem Saal beschränkt. Ohne eine solche Einschränkung bleibt der Verkauf von 1989 der maßgebliche Vergleich.

Verwandtes Werk: Claude Monet, The Path through the Irises (1914–17), Metropolitan Museum of Art. Dies ist nicht das von Sotheby’s angebotene Gemälde. Die über Wikimedia Commons bereitgestellte Abbildung steht unter der CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication; beschnitten.
Welchen Preis Iris tatsächlich erreichen müsste
Auch die verwendeten Preisbegriffe sind entscheidend. Der Zuschlagspreis ist das höchste angenommene Gebot; ein Preis „mit Gebühren“ enthält zusätzlich das Aufgeld und möglicherweise weitere Kosten. Laut Sotheby’s Käuferleitfaden schließen Vorabschätzungen Aufgeld, zusätzliche Gebühren, Steuern und ein gegebenenfalls anfallendes Folgerecht aus. Die aktuelle Pariser Aufgeldstaffel beträgt vor lokalen Steuern 28 Prozent auf die ersten 1,75 Millionen Euro, 22 Prozent zwischen 1,75 und 7 Millionen Euro sowie 15 Prozent auf den darüberliegenden Betrag.
Für den nominalen Allzeitrekord müsste Iris daher mehr als 45,735 Millionen Euro beim Zuschlag und mehr als 48,006 Millionen Euro beim veröffentlichten Gesamtpreis erzielen. Allein die Zuschlagsmarke liegt 15,735 Millionen Euro beziehungsweise rund 52 Prozent über der oberen Schätzung von 30 Millionen Euro.
Zum Vergleich: Die Associated Press dokumentierte für Picassos Buste de femme au chapeau à fleurs 2025 in Paris einen Zuschlag von 27 Millionen Euro und einen Gesamtpreis von 32.012.397 Euro. Dies ist der jüngere Vergleichswert der Euro-Ära. Wendet man auf einen Zuschlag von 30 Millionen Euro ausschließlich Sotheby’s veröffentlichte Aufgeldstaffel an, ergeben sich vor Steuern und weiteren Kosten etwa 35,095 Millionen Euro. Das würde den Wert von 2025 übertreffen, bliebe aber deutlich unter dem umgerechneten Ergebnis von 1989.
Von Monets Atelier in die Sammlung Schlumberger
Die Provenienzkette führt von Monets Atelier über seinen Sohn Michel Monet und die Kunsthändlerin Katia Granoff in die Sammlung von Jeanne Schlumberger. Eine wissenschaftliche Untersuchung des Art Institute of Chicago bestätigt, dass Michel nach Monets Tod 1926 das Atelier erbte. Wahrscheinlich arbeitete er mit Granoff zusammen, um unsignierte späte Leinwände beim Verlassen des Nachlasses mit Stempeln zu kennzeichnen. Nach Sotheby’s Darstellung, die mehrere Medien aufgriffen, blieb das angebotene Gemälde anschließend bis zur jetzigen Auktion im Pariser Wohnsitz der Familie Schlumberger.
Das Datum und die Finanzierung dieser Transaktion sind in den veröffentlichten Darstellungen nicht abschließend geklärt. The Art Newspaper datiert Granoffs Erwerb von Werken aus Michels Atelier auf 1958 und schreibt, Jeanne Schlumberger habe dafür ihr Haus als Sicherheit eingesetzt. Artnet nennt dagegen 1956, während EFE die Unterstützung Jean Schlumberger zuschreibt. Im entscheidenden Punkt stimmen die Berichte überein: Granoff eröffnete den Zugang zu Monets späten Atelierwerken, und die Sammlung Schlumberger erwarb Iris über diese Verbindung.
Die Provenienz ist auch deshalb bedeutsam, weil die Leinwand nicht wiederholt auf Auktionen oder in Ausstellungen zu sehen war. Laut Sotheby’s war sie vor dem 17. September öffentlich nur durch eine Schwarz-Weiß-Fotografie bekannt. Farbe, Oberfläche und monumentales Format werden somit im selben Moment öffentlich beurteilt wie der angesetzte Marktwert.

Claude Monet in seinem Atelier, 1926. Agence de presse Meurisse/Bibliothèque nationale de France, via Wikimedia Commons; gemeinfrei; beschnitten.
Warum der einst wenig geschätzte späte Monet heute Millionen kostet
Im Gesamtwerk von Claude Monet lösen die späten Gartenbilder den stabilen Horizont zunehmend auf und lassen die Pinselführung fast die gesamte Bildfläche erfassen. Wie Monets Seerosen-Bilder gingen die Iris-Motive aus dem von ihm gestalteten Garten in Giverny hervor. Ihre aufrechten Blätter und Blüten durchbrechen jedoch die reflektierende Fläche.
Der von einer Kuratorin begleitete Besuch der Royal Academy of Arts in Giverny macht diesen Ausgangspunkt räumlich nachvollziehbar: Blumenbeete und Wege waren keine beliebige Kulisse, sondern eine bewusst kultivierte Arbeitsumgebung, die Monet in seinen Gemälden immer wieder neu ordnete.
Die Untersuchung des Art Institute of Chicago zu seinem Gemälde Irises belegt den späteren Wandel der Bewertung. Die Leinwand war weder signiert noch datiert, trug nachträglich angebrachte Nachlassstempel und entstand in mehreren Nass-auf-Trocken-Schichten. Technische Aufnahmen deuten darauf hin, dass Monet möglicherweise frühere Seerosen übermalte. Das Museum beschreibt die anfänglich zurückhaltende Aufnahme des Spätwerks und nennt den Ankauf einer wandgroßen Komposition durch das Museum of Modern Art im Jahr 1955 als Beschleuniger des amerikanischen Interesses. Das Art Institute erwarb seine Irises 1956.
Granoffs und Schlumbergers frühes Engagement ist deshalb mehr als eine ungewöhnliche Provenienzgeschichte. Sie erwarben gerade jene Eigenschaften – Größe, dichte Oberfläche und die verringerte Trennung zwischen Gegenstand und Spiegelung –, in denen Museen und Sammler später die Modernität des Spätwerks erkannten. Nach Angaben von The Art Newspaper stammen inzwischen fünf der zehn teuersten Monet-Gemälde bei Auktionen aus der Zeit nach 1914. Artnets Datenbank nennt für einen Monet mit Iris-Motiv einen bisherigen Auktionsrekord von 10,8 Millionen Pfund, erzielt 2015 in London. Die Pariser Schätzung ist für dieses Motiv daher ein bedeutender Markttest, auch wenn sie keinen französischen Allzeitrekord bei den Schätzungen darstellt.

Claude Monet, Irises (1914–17), Art Institute of Chicago. Abbildung via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; beschnitten.
Picassos Vergleichswert von 1989 bleibt höher
- Iris soll am 22. Oktober mit einer Schätzung von 22 bis 30 Millionen Euro versteigert werden; ein Verkaufsrekord wurde bislang nicht erzielt.
- Picassos Pariser Verkauf von 1989 hatte eine höhere Schätzung und erreichte umgerechnet 45,735 Millionen Euro beim Zuschlag sowie 48,006 Millionen Euro einschließlich Gebühren.
- Monets Gemälde müsste seine obere Schätzung um rund 52 Prozent übertreffen, um den nominalen Zuschlagsrekord zu brechen.
- Die Abfolge der Provenienz ist schlüssig, doch die aktuellen Berichte widersprechen sich beim Jahr der Ateliertransaktion und bei deren Finanzierung.
- Käufer, Zuschlagspreis und endgültiger Gesamtpreis bleiben bis zum Abschluss der Auktion am 22. Oktober unbekannt.







