Gao Zhen und Gao Qiang stehen während ihrer Performance Utopia of the Embrace 2019 in Oslo neben Dagmar Carnevale Lavezzoli.

Gao Zhen: Drei Jahre Haft für satirische Mao-Kunst

Der chinesische Künstler Gao Zhen ist wegen satirischer Skulpturen von Mao Zedong zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Unter Anrechnung seiner bisherigen Untersuchungshaft soll er am 25. August 2027 freikommen. Das schriftliche Urteil offenbart dabei ein wichtiges Detail: Das Gericht bezog sich nicht nur auf Werke aus den Jahren 2005 bis 2009, sondern wertete ihre spätere Verbreitung im Internet als fortgesetztes strafbares Verhalten.

 
 

Was im Urteil gegen Gao Zhen steht

Die Associated Press berichtete am 25. August, dass das Volksgericht der Stadt Sanhe in der Provinz Hebei die dreijährige Haftstrafe verhängt habe. Die Nachrichtenagentur berief sich dabei auf Gaos Ehefrau Zhao Yaliang.

Eine von Civil Rights & Livelihood Watch veröffentlichte vollständige Abschrift des Urteils führt das Verfahren unter „Hebei 1082, Strafsache erster Instanz Nr. 296 aus 2025“. Das Dokument befindet sich nicht auf einer offiziellen Gerichtsseite, sondern auf der Website einer Menschenrechtsorganisation. Es trägt das Datum 21. August, während AP und Amnesty International die Urteilsverkündung auf den 25. August datieren.

Laut der veröffentlichten Abschrift wurde Gao am 26. August 2024 festgenommen und am 29. September formell inhaftiert. Die Anklage wurde am 10. Juni 2025 erhoben. Auf eine Vorverhandlung am 24. März 2026 folgte am 30. März ein eintägiger Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als Begründung nennt das Dokument den Schutz der „Privatsphäre“.

DatumDokumentierte Entwicklung
2005–2009Entstehung der drei Skulpturenserien laut Urteil
1. März 2021Inkrafttreten des konkreten Straftatbestands
26. August 2024Festnahme in Gaos Atelier in Sanhe
30. März 2026Eintägiger Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit
25. August 2026Verkündung der dreijährigen Haftstrafe
25. August 2027Vorgesehenes Ende der Haftstrafe

Jeder Tag seit Gaos Festnahme wird auf die dreijährige Strafe angerechnet. Das Urteil ordnet außerdem die Einziehung verbotener Gegenstände und des für die mutmaßliche Straftat verwendeten Eigentums an. Ein vollständiges öffentliches Verzeichnis der betroffenen Kunstwerke enthält es nicht.

 
Gao Zhen und Gao Qiang stehen während ihrer Performance Utopia of the Embrace 2019 in Oslo neben Dagmar Carnevale Lavezzoli.
Gao Zhen und Gao Qiang mit Dagmar Carnevale Lavezzoli während einer Performance 2019 in Oslo. Foto: Kimberli Mäkäräinen / Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International; beschnitten.

 
 

Warum die Verbreitung nach 2021 entscheidend ist

Die gerichtliche Argumentation geht jedoch über die verkürzte Darstellung hinaus, Gao sei allein für ihre Herstellung bestraft worden. Dem Urteil zufolge entstanden die drei Serien zwischen 2005 und 2009 und wurden von 2010 bis 2013 außerhalb Chinas ausgestellt. Anschließend habe Gao ihre Bilder von 2013 bis 2024 auf X weiter beworben, 2023 und 2024 die Verwendung eines Werkmotivs auf einem Buchumschlag genehmigt und im Februar 2024 an einer damit verbundenen Preisverleihung teilgenommen.

Das Gericht berief sich auf Beiträge und dazu passende digitale Daten aus den Jahren 2021, 2022 und 2023. Bis zum 21. August 2024 hätten einschlägige Beiträge auf X insgesamt 46 Kommentare, 178 Reposts und 485 Likes erhalten. Zudem seien Bilder der Skulpturen zwischen dem 1. März 2021 und dem 25. August 2024 unter 227 Webadressen erschienen. Diese Zahlen und ihre Einordnung stammen vom Gericht; es handelt sich nicht um unabhängig geprüfte Reichweitendaten.

Gao bestritt sowohl den Tatvorwurf als auch wesentliche Tatsachenbehauptungen. Seiner im Urteil festgehaltenen Verteidigung zufolge waren die Skulpturen bereits vor Einführung des Straftatbestands entstanden. Die Aufbewahrung abgeschlossener Werke stelle keine fortgesetzte Straftat dar. Außerdem fehle ein hinreichender Nachweis dafür, dass Gao die Beiträge auf X kontrolliert oder die Verwendung für den Buchumschlag genehmigt habe. Seine Anwälte beriefen sich darüber hinaus auf den Schutz künstlerischen Schaffens.

Das Gericht wies diese Argumente zurück. Es fasste Herstellung und Verbreitung als ein fortdauerndes Verhalten auf, das über das Inkrafttreten der Strafvorschrift hinausgereicht habe. Damit ist weder geklärt, ob diese Begründung überzeugt, noch ob sie mit internationalen Menschenrechtsstandards vereinbar ist. Sie zeigt aber, wie das Gericht dem Einwand einer rückwirkenden Bestrafung begegnete: Amnesty International kritisiert das Verfahren als rückwirkend, weil die Kunstwerke lange vor dem Straftatbestand entstanden. Das Gericht verortet das strafbare Verhalten dagegen auch in ihrer späteren Verbreitung.

Zeitleiste zu Werkentstehung, Rechtsstichtagen und späterer Verbreitung.
Infografik von Malen Lernen, basierend auf Urteilsabschrift, Oberstes Volksgericht, Volksstaatsanwaltschaft.

 
 

Zwei unterschiedliche rechtliche Stichtage

In der aktuellen Berichterstattung wird die maßgebliche Rechtslage teilweise wie eine einzige Regelung aus dem Jahr 2018 behandelt. Die offiziellen Unterlagen zeigen jedoch zwei Stufen. Das chinesische Gesetz zum Schutz von Helden und Märtyrern wurde im April 2018 verabschiedet und trat laut einer Mitteilung des Obersten Volksgerichts am 1. Mai 2018 in Kraft. Es untersagte unter anderem die Verleumdung und verzerrende Darstellung von Helden und Märtyrern und sah zivilrechtliche, verwaltungsrechtliche oder strafrechtliche Folgen vor.

Der im Urteil gegen Gao angeführte konkrete Straftatbestand folgte später. Eine Mitteilung der Obersten Volksstaatsanwaltschaft besagt, dass die elfte Änderung des Strafgesetzes die Verletzung des Ansehens und der Ehre von Helden und Märtyrern unter Strafe stellte. Die Regelung trat am 1. März 2021 in Kraft. Gaos Urteil verweist auf Artikel 299A, der eine Höchststrafe von drei Jahren vorsieht.

Ein Bericht des Guardian vom 25. August nennt dagegen März 2018 als Zeitpunkt des Inkrafttretens. Die amtlich dokumentierten Daten sind der 1. Mai 2018 für das Schutzgesetz und der 1. März 2021 für den konkreten Straftatbestand. Beide liegen nach dem im Urteil genannten Entstehungszeitraum der Skulpturen.

 
 

Die drei Mao-Serien im Zentrum des Verfahrens

Medienberichte nennen die Werke Miss Mao, The Execution of Christ und Mao’s Guilt. In Miss Mao erscheint Mao als feminisierte Karikatur mit Brüsten und einer verlängerten Nase. The Execution of Christ inszeniert Mao-Figuren als Erschießungskommando, das auf Christus zielt. Das von AP auf 2009 datierte Werk Mao’s Guilt zeigt den früheren Staatsführer kniend und scheinbar reumütig.

Die Arbeiten gehören zu Gao Zhens jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit seinem jüngeren Bruder Gao Qiang. Laut dem institutionellen Archiv der Vancouver Biennale arbeiten die Gao Brothers seit 1985 gemeinsam in den Bereichen Skulptur, Malerei, Fotografie, Performance und Schreiben. Bereits 2006 zeigten sie Miss Mao in New York. Bei der Vancouver Biennale 2009–2011 präsentierten sie anschließend die monumentale Arbeit Miss Mao Trying to Poise Herself at the Top of Lenin’s Head.

Die farbenprächtige Miss-Mao-Skulptur der Gao Brothers balanciert bei der Vancouver Biennale 2010 auf einer monumentalen Lenin-Büste.
Miss Mao Trying to Poise Herself at the Top of Lenin’s Head der Gao Brothers bei der Vancouver Biennale 2010. Foto: popejon2 via Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons Attribution 2.0 Generic.

Das Urteil spricht von drei Serien und nicht bloß von drei einzelnen Objekten. Diese hätten zahlreiche fertige und unvollendete Arbeiten umfasst. The Art Newspaper berichtete von 118 beschlagnahmten Werken. Die veröffentlichte Urteilsabschrift bestätigt diese Gesamtzahl jedoch nicht.

 
 

Berufung, Ausreiseverbote und beschlagnahmte Kunst

Amnesty International zufolge will Gao Berufung einlegen – sowohl gegen den Schuldspruch als auch gegen das Strafmaß. Das Urteil räumt dafür nach seiner Zustellung eine Frist von zehn Tagen ein; zuständig wäre das Mittlere Volksgericht von Langfang. Eine Entscheidung der Berufungsinstanz ist bislang nicht öffentlich bekannt. Ohne Änderung des Urteils endet Gaos Haft am 25. August 2027.

Amnesty berichtet zudem, Gao leide an mehreren gesundheitlichen Problemen und sei während der Haft zusammengebrochen. Seine Ehefrau Zhao und der gemeinsame Sohn, der US-amerikanischer Staatsbürger ist, könnten China nicht verlassen, obwohl gegen beide kein strafrechtlicher Vorwurf erhoben worden sei. Das Urteil klärt weder diese Ausreisebeschränkungen noch Gaos medizinische Versorgung oder das weitere Schicksal der beschlagnahmten Kunstwerke.

 
 

Die wichtigsten Erkenntnisse zum Fall Gao Zhen

  • Das verbreitete Urteil stützt die Verurteilung nicht allein auf ältere Skulpturen, sondern auch auf die behauptete Verbreitung ihrer Bilder nach 2021 und die Nutzung eines Motivs auf einem Buchumschlag.
  • Das Schutzgesetz trat am 1. Mai 2018 in Kraft, der konkrete Straftatbestand dagegen am 1. März 2021. Der in einem Guardian-Bericht genannte März 2018 wird von den amtlichen Unterlagen nicht gestützt.
  • Das Gericht beschreibt drei Skulpturenserien. Die andernorts genannte Zahl von 118 beschlagnahmten Werken geht aus der veröffentlichten Urteilsabschrift nicht hervor.
  • Die dreijährige Haftzeit läuft vom 26. August 2024 bis zum 25. August 2027, sofern die geplante Berufung nichts am Urteil ändert.
  • Offen bleiben der formelle Stand der Berufung, die Ausreisebeschränkungen für Gaos Familie und das Schicksal der beschlagnahmten Kunst.

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