Nicolas Party – Pastellmalerei zwischen Bild und Raum
Nicolas Party (* 1980 in Lausanne) ist ein Schweizer Künstler, der vertraute Landschaften, Porträts und Stillleben mit Softpastell, Wandmalerei und inszenierten Räumen verbindet. Sein Weg vom Graffiti zur Museumsfassade zeigt, wie konsequent er die Grenze zwischen Einzelbild und Architektur verschiebt. An konkreten Werken erfährst du, woran sich seine Bildsprache erkennen und wie sie sich ohne kunsthistorisches Vorwissen lesen lässt.
Wer ist Nicolas Party?
Party arbeitet figurativ: Obwohl er Formen vereinfacht und Farben von der sichtbaren Wirklichkeit löst, bleiben Bäume, Gesichter, Früchte und Gefäße erkennbar. Seine Bedeutung liegt nicht allein im auffälligen Aussehen der Bilder. Er verbindet traditionsreiche Bildgattungen mit der historischen Pastellmalerei und dehnt Malerei bis in den Ausstellungsraum aus.

Kurzprofil: Herkunft, Ausbildung und Arbeitsorte
Nicolas Party wurde 1980 in Lausanne geboren. An der dortigen Kunsthochschule ECAL schloss er 2004 ein Bachelorstudium ab. 2009 folgte an der Glasgow School of Art der MFA, ein künstlerischer Masterabschluss. Während dieser Ausbildung konzentrierte er sich besonders auf Malerei und Zeichnung.
Party arbeitet in New York; für 2026 wird zusätzlich Brüssel als Arbeitsort genannt. Diese zeitliche Einordnung ist wichtig, weil sich Atelierstandorte im Verlauf einer noch aktiven Laufbahn verändern können.
Was seine Bilder unverwechselbar macht
Drei Gattungen kehren regelmäßig wieder: Landschaft, Porträt und Stillleben. Party reduziert ihre Motive auf klare Körper, geschwungene Konturen und organisch gerundete, sogenannte biomorphe Formen. Ein Baum kann wie eine Säule wirken, eine Baumkrone wie ein weiches Oval und eine Frucht wie ein sorgfältig geformter Körper.
Rosalba Carrieras Selbstporträt mit dem Bildnis ihrer Schwester aus dem Jahr 1715. Bild: Rosalba Carriera via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Kräftige Kontraste und künstliche Farbverläufe lösen diese Gegenstände aus ihren gewohnten Farben. Das Motiv bleibt lesbar, bildet die sichtbare Wirklichkeit aber nicht naturgetreu ab. Hinzu kommt der Raum: Wandbilder, farbig gestaltete Architektur, Gemälde und Skulpturen können gemeinsam eine zusammenhängende Inszenierung bilden.
Vom Graffiti zur raumgreifenden Malerei
Partys Entwicklung verläuft nicht als einfacher Wechsel von einem Stil zum nächsten. Wiederkehrend ist vielmehr die Frage, wie Farbe eine Fläche, einen Raum oder sogar ein ganzes Gebäude verändern kann.
Jean Siméon Chardins Stillleben mit aufgeschnittener Melone, Birnen, Pfirsichen und Pflaumen von 1763. Bild: Jean-Baptiste-Siméon Chardin via Wikimedia Commons, lizenziert unter Public domain.
Lausanne und Glasgow: Ausbildung und Zusammenarbeit
Schon vor dem Kunststudium arbeitete Party mit Graffiti. Diese frühe Praxis steht mit seinem späteren Interesse an Wandmalerei und Architektur in Zusammenhang: Statt nur auf kleinen Flächen zu arbeiten, setzte er sich bereits mit großen Wänden auseinander.
„Landscape“ by Nicolas Party – geograph.org.uk – 7937895. „Landscape“ by Nicolas Party. Bild: Oliver Dixon via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 2.0.
In Glasgow rückten Malerei und Zeichnung ins Zentrum, doch Party arbeitete auch gemeinsam mit anderen. Später wurde das Zusammenspiel von Bildern, Personen und Orten zu einem festen Bestandteil seiner Ausstellungen.
2013: Die Galerie wird zur Bühne
Ein entscheidender Wendepunkt war 2013 die Glasgower Ausstellung „Still Life Oil Paintings and Landscape Watercolours“. Party bezog das gesamte Gebäude ein: Ein gebäudeweites Wandbild verband 15 weitere Arbeiten und machte die Architektur zum aktiven Teil der Präsentation. Die Galerie wirkte dadurch weniger wie eine neutrale Hülle als wie eine Bühne, auf der die einzelnen Werke einander rahmten.
Im selben Jahr begann seine intensive Beschäftigung mit Softpastell. Raum und Material entwickelten sich fortan nebeneinander: Das Pastell rückte in einzelnen Bildern ins Zentrum, während Wandmalereien deren Wirkung auf die Umgebung ausweiteten.
2016 bis 2022: Vom Wandbild zur Museumsfassade
Bei „Hammer Projects: Nicolas Party“ verband der Künstler 2016 in seiner ersten Präsentation in Los Angeles Gemälde mit einem eigens für den Ort geschaffenen Wandbild. Ein Jahr später gestaltete er für „sunrise, sunset“ den gesamten inneren Ring des Hirshhorn Museums als monumentale Malerei.
„Pastel“ führte 2019/20 einen kunsthistorischen Dialog in den Raum: In rosafarbenen Sälen begegneten Partys Arbeiten vier vom Rokoko angeregten Wandbildern und Pastellwerken vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die Ausstellung stellte seine eigene Arbeit damit neben ältere und zeitgenössische Beispiele desselben Mediums.
2021/22 erreichte die räumliche Erweiterung mit „Draw the Curtain“ die Außenhaut des Hirshhorn Museums. 2022 zeigte „L’heure mauve“ in Montreal mehr als 100 Arbeiten und Wandbilder Partys im Dialog mit rund 50 Werken aus der Museumssammlung. Seine erste museale Einzelausstellung in Deutschland folgte 2023/24 im Museum Frieder Burda: „When Tomorrow Comes“ umfasste Pastellwandbilder, Ölmalerei auf Kupfer, altarähnliche Formen und weitere Arbeiten, die auf den Raum reagierten.
Pastell, Farbe und Form
Softpastell ist bei Party nicht bloß ein Oberflächeneffekt. Die Eigenschaften des Materials beeinflussen, wie unmittelbar er Farbe auftragen und in mehreren Schichten aufbauen kann.
Warum Party 2013 zum Pastell fand
Party führte sein wachsendes Interesse am Pastell auf die Begegnung mit Pablo Picassos „Tête de femme“ von 1921 zurück. Ab 2013 wurde das Material zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit. Öl, Aquarell und Wandmalerei gab er deshalb nicht auf; das Pastell kam als zentrales Medium hinzu.
Party beschrieb daran vor allem drei Eigenschaften: Pastell lässt sich unmittelbar auftragen, in Schichten übereinandersetzen und nur schwer vollständig zurücknehmen. Diese Verbindung aus direktem Farbauftrag und begrenzter Korrektur unterscheidet das Material für ihn von anderen Malweisen.
Wie Party mit Softpastell arbeitet
Beim Malen mit Pastellkreide trägt Party Farbe direkt auf und baut weitere Schichten darüber auf. Eine bereits gesetzte Passage lässt sich jedoch nicht beliebig auf den Ausgangszustand zurückführen. Seine eigenen Aussagen zur Technik betonen deshalb die unmittelbare Arbeit, das Schichten und die Schwierigkeit, gesetzte Spuren wieder zurückzunehmen.
Drei klassische Gattungen, eine gemeinsame Bildsprache
Landschaften, Porträts und Stillleben in der Kunst besitzen jeweils eine lange Tradition. Party hält sie durch eine gemeinsame Formen- und Farbsprache zusammen. Köpfe, Pflanzen und Gefäße erscheinen als vereinfachte Körper; starke Farben ersetzen die gewohnten Farbtöne; hintereinander gesetzte Formen erzeugen Raum, ohne eine Landschaft möglichst wirklichkeitsgetreu nachzubilden.
Mit vier Fragen kannst du diese Arbeitsweise an einem unbekannten Werk prüfen:
- Bleibt das Motiv trotz starker Vereinfachung eindeutig erkennbar?
- Wirken Stämme, Köpfe, Früchte oder Gefäße wie geometrische oder organisch gerundete Körper?
- Löst ein künstlicher Farbverlauf das Motiv von seinen gewöhnlichen Farben?
- Endet die Gestaltung am Bildrand oder greift sie auf Wand, Architektur und Objekte über?
Keines dieser Merkmale genügt allein zur Zuschreibung. In ihrer Verbindung beschreiben sie jedoch genauer, was Partys Arbeiten zusammenhält, als das bloße Etikett „farbenfroh“. Wenn du vereinfachte Formen und ihre Abstände selbst erproben möchtest, kannst du mit einer Anleitung ein Stillleben zeichnen.
Werke lesen: Landschaft, Porträt und Raum
Partys Motive wirken auf den ersten Blick zugänglich. Eine genauere Betrachtung zeigt, wie wenige bewusst gesetzte Elemente ausreichen, um Tiefe zu erzeugen und zugleich den künstlich aufgebauten Charakter des Bildes sichtbar zu machen.
Nahsicht: „Landscape“ von 2021 mit roter Sonnenscheibe
Diese Nahsicht gilt ausschließlich jener „Landscape“ von 2021, die einen rosa bis dunkelroten Himmel und eine rote Sonnenscheibe zeigt. Sie ist von der ebenfalls 2021 datierten, gleichnamigen Arbeit im Montreal Museum of Fine Arts zu unterscheiden.
Gerade Baumstämme bilden ein senkrechtes Gerüst. Ihnen stehen rundliche Vegetationsformen gegenüber, die wie weiche Körper zwischen den Stämmen sitzen. Der Gegensatz aus Geraden und Wölbungen ordnet die Komposition, obwohl weder Blätter noch Rinde im Detail ausgearbeitet sind.
Darüber spannt sich ein Himmel, dessen Rosa in dunkles Rot übergeht. Die rote Sonnenscheibe erscheint nicht als heller Lichtpunkt, sondern wiederholt die Farbwelt des Himmels. Helle Formen liegen hintereinander und führen den Blick in die Tiefe. Der Raum entsteht somit durch Überlagerung und Reihenfolge, nicht durch eine minutiös ausgearbeitete Naturansicht.
Für eine saubere Bildlektüre lohnt sich die Trennung von Beobachtung und Deutung. Beobachtbar sind Stämme, Rundformen, Farbverlauf, Sonne und Staffelung. Daraus lässt sich ableiten, dass Party eine lesbare Landschaft mit einer sichtbar konstruierten Ordnung verbindet. Aussagen über eine persönliche Stimmung oder verborgene Absicht wären dagegen ohne weitere Anhaltspunkte spekulativ.
„Draw the Curtain“: Wenn das Bild zum Gebäude wird
„Draw the Curtain“ umspannte den zylindrischen Hirshhorn-Bau auf einer Länge von 829 Fuß, also rund 253 Metern. Zu sehen waren vergrößerte Köpfe und Vorhangmotive. Technisch handelte es sich jedoch nicht um ein direkt auf die Fassade gemaltes Pastellbild: Ursprüngliche Pastellmotive wurden digital zu einer Collage zusammengesetzt und anschließend auf Fassadengewebe gedruckt.
Der Titel spielt mit der Architektur. Ein Vorhang kann etwas verbergen oder eine Bühne öffnen. Am Museum wurde dieses Motiv zur vorübergehenden Gebäudehülle. Damit übertrug Party seine Bildsprache auf einen öffentlichen Maßstab, ohne die materiellen Eigenschaften eines Pastellbildes vorzutäuschen.
Gesicherte Landschaften in Museumssammlungen
Mehrere Werke tragen schlicht den Titel „Landscape“. Deshalb dürfen Jahr, Material oder Maße nicht von einem Bild auf ein anderes übertragen werden. Das Montreal Museum of Fine Arts besitzt eine Arbeit von 2021: Pastell auf Leinwand über Holztafel, 265 × 180 Zentimeter, Inventarnummer 2024.74.
Die National Gallery of Art verwahrt eine andere „Landscape“, datiert 2023. Sie besteht aus Softpastell auf Leinwand, misst 165,1 × 190,5 Zentimeter und trägt die Inventarnummer 2024.184.1. Titel allein reichen bei Partys Landschaften also nicht aus, um ein Werk eindeutig zu bestimmen. Jahr, Material, Maße und Sammlung müssen zusammenpassen.
Kunstgeschichte als Arbeitsmaterial
Partys Bilder können an unterschiedliche Epochen erinnern, doch sichtbare Ähnlichkeit ist noch kein Beleg für einen Einfluss. Belastbar sind Bezüge zu Künstlerinnen und Künstlern, die in seiner Arbeit und seinen Ausstellungen ausdrücklich eine Rolle spielen.
Dokumentierte Bezugspunkte: Vallotton, Hodler und Carriera
Félix Vallotton und Ferdinand Hodler bilden dokumentierte Bezugspunkte für die Vereinfachung von Landschaftsformen. Das bedeutet nicht, dass Party ihre Stile kopiert. Relevant ist die gemeinsame Frage, wie sich Natur durch Umrisse, Flächen und klar gegliederte Bildzonen ordnen lässt.
Ferdinand Hodlers Genferseelandschaft mit Blick zum Wallis um 1906. Bild: GoldenArtists via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY 4.0.
Rosalba Carriera steht für die historische Pastelltradition. Giorgio Morandi und Jean Siméon Chardin öffnen einen anderen Zugang: Bei ihnen findet Party Bezugspunkte für Stillleben und die formale Ordnung weniger Gegenstände.
Diese Namen bilden keine gerade Kette von Vorbildern. Sie stehen für unterschiedliche Aufgaben, die Party aufgreift: Landschaften vereinfachen, mit der Geschichte des Pastells arbeiten und alltägliche Dinge durch ihre Anordnung ins Zentrum rücken.
2025 und 2026: Chardin und das Wandbild „Trees“
Für die Ausstellung „Die Kopisten“ fertigte Party 2025 eine originalgetreue Kopie von Chardins Stillleben mit aufgeschnittener Melone, Birnen, Pfirsichen und Pflaumen aus dem Jahr 1763 an. Seine Fassung entstand in trockenem Pastell auf Leinen und misst 60 × 52,1 Zentimeter. Der Bezug zu Chardin blieb damit nicht bei einer Ähnlichkeit: Party wiederholte eine konkrete Komposition und übertrug sie in sein bevorzugtes Material.
2026 setzte er seine Arbeit mit großen Wandformaten fort. Für das Montreal Museum of Fine Arts entstand das permanente Wandbild „Trees“. Damit steht neben den beweglichen Pastellbildern ein dauerhaftes Werk im Museum, ohne dass daraus eine bestimmte Träger- oder Ausführungstechnik abgeleitet werden muss.
Warum Partys Werk über den Wiedererkennungswert hinausgeht
Vereinfachte Köpfe, rundliche Formen und Farben, die nicht der sichtbaren Wirklichkeit folgen, kehren in Partys Bildern regelmäßig wieder. Sein Beitrag lässt sich jedoch genauer fassen: Er verbindet Landschaft, Porträt und Stillleben mit Softpastell, ortsspezifischer Wandmalerei und gestalteten Ausstellungsräumen. „Ortsspezifisch“ bedeutet, dass ein Werk für die räumlichen Bedingungen eines bestimmten Ortes entwickelt wird.
Diese Verbindung verändert auch die Betrachtung. Vor einer einzelnen Leinwand kannst du die Komposition aus einer festen Entfernung untersuchen. In einer vollständig gestalteten Ausstellung bewegst du dich dagegen durch Farbe, wechselnde Größen und kunsthistorische Gegenüberstellungen. Landschaften in den Museumssammlungen von Montreal und Washington sowie das permanente Wandbild „Trees“ zeigen, dass beide Seiten seiner Arbeit bis 2026 nebeneinander fortbestehen.
Häufige Fragen zu Nicolas Party
Drei begriffliche Unterscheidungen helfen dabei, Partys Werk korrekt einzuordnen.
Malt Nicolas Party ausschließlich mit Softpastell?
Nein. Softpastell ist seit 2013 ein zentrales Medium, aber nicht sein einziges. Bereits die Ausstellung von 2013 verband Ölgemälde und Landschaftsaquarelle. Spätere Projekte umfassten außerdem Wandmalerei, Skulpturen und Ölmalerei auf Kupfer.
Ist Nicolas Party ein Surrealist?
Seine künstlichen Farben und ungewohnten Formen können surreal wirken. Für eine feste Zuordnung zum historischen Surrealismus fehlt jedoch eine entsprechend belegte Grundlage. Präziser ist es, ihn als figurativen Künstler zu beschreiben, der erkennbare Motive vereinfacht und in Farben darstellt, die nicht der sichtbaren Wirklichkeit folgen.
Ist „Draw the Curtain“ ein gemaltes Wandbild?
Nicht im technischen Sinn. Party entwickelte die Motive zunächst mit Pastell, setzte sie digital zu einer Collage zusammen und ließ das Ergebnis auf Fassadengewebe drucken. Das Projekt übertrug seine Bildsprache auf das Gebäude, war aber kein direkt auf die Fassade aufgetragenes Pastellbild.
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du Plessis, A. (2026, 16 September). Nicolas Party – Pastellmalerei zwischen Bild und Raum. Malen Lernen. https://malen-lernen.org/nicolas-party/
Alicia, du Plessis, “Nicolas Party – Pastellmalerei zwischen Bild und Raum.” Malen Lernen. September 16, 2026. URL: https://malen-lernen.org/nicolas-party/
du Plessis, Alicia. “Nicolas Party – Pastellmalerei zwischen Bild und Raum.” Malen Lernen, September 16, 2026. https://malen-lernen.org/nicolas-party/.







