Wassily Kandinskys Das bunte Leben zeigt eine dicht bevölkerte Landschaft mit farbkräftigen Figuren, einem Reiter, Bäumen, Wasser und einer entfernten Stadt.

Kandinskys „Das bunte Leben“ kommt 2026 zur Auktion

Christie’s will Wassily Kandinskys restituiertes Gemälde Das bunte Leben von 1907 am 14. Oktober 2026 in London versteigern. Damit kehrt ein Werk auf den Auktionsmarkt zurück, das ungefähr ein halbes Jahrhundert lang im Münchner Lenbachhaus zu sehen war. Der Verkaufstermin ist bestätigt, das genaue Datum der vollzogenen Restitution dagegen nicht: Christie’s nennt Juni 2023, während die amtliche Chronologie für diesen Monat lediglich die Rückgabeempfehlung und für den 24. Juli die Entscheidung der Eigentümerin dokumentiert.

 
 

Kandinskys Das bunte Leben kommt in London unter den Hammer

Laut einer Mitteilung von Christie’s vom 1. September gehört das Gemälde zur Londoner Abendauktion „20th/21st Century“ am 14. Oktober 2026. Zuvor soll es vom 2. bis 4. September in Zürich, vom 10. bis 12. September in Paris, vom 17. bis 20. September in New York, vom 22. bis 29. September in Hongkong und ab dem 8. Oktober in London gezeigt werden. Dpa bestätigte den Auktionstermin unabhängig bei einem Sprecher des Hauses.

Eine öffentliche Schätzung hat Christie’s nicht genannt. Keith Gill, stellvertretender Vorsitzender für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, erklärte gegenüber Artnet News, das Haus erwarte mehr als 30 Millionen US-Dollar. Einen Vergleichswert liefert ein anderes restituiertes Kandinsky-Gemälde: Murnau mit Kirche II erzielte 2023 bei Sotheby’s 37.196.800 Pfund und stellte damit einen Auktionsrekord für den Künstler auf. Dieser Preis beschreibt lediglich das Marktumfeld und ist keine Prognose für den Verkauf im Oktober.

Die etwa 130 mal 163 Zentimeter große Temperamalerei auf Leinwand ist noch deutlich gegenständlich. Pilger, ein berittener Ritter, eine Mutter mit Kind, Musiker und betende Menschen bevölkern eine dunkle Landschaft, die von kräftigen Farbflecken durchzogen wird. Unterrichtsmaterialien des Guggenheim Museum beschreiben den Blickwinkel als leicht erhöht. Reiter, Paar, Ruderer und die an den Kreml erinnernde Stadt gehören demnach zu den Motiven, die in Kandinskys späteren Arbeiten wiederkehren. Bedeutend ist das Bild nicht, weil es bereits abstrakt wäre, sondern weil Farbe und bildnerischer Rhythmus zunehmend mit der erzählerischen Darstellung konkurrieren.

Das Entstehungsjahr 1907 liegt vier Jahre vor der Gründung des Blauen Reiters, jener Münchner Künstlergruppe, mit der Wassily Kandinsky besonders eng verbunden ist. Nach Angaben von Christie’s schuf er das Gemälde während seiner Pariser Zeit und stellte es 1907 im Salon d’Automne aus. Es war damals seine größte Leinwand. Die dicht bevölkerte Komposition aus der Vogelperspektive erhielt dadurch den Maßstab einer öffentlichen künstlerischen Erklärung und nicht nur den eines privaten Experiments.

 
Wassily Kandinskys Das bunte Leben zeigt eine dicht bevölkerte Landschaft mit farbkräftigen Figuren, einem Reiter, Bäumen, Wasser und einer entfernten Stadt.
Das bunte Leben (1907) von Wassily Kandinsky; Reproduktion von Ermell, über Wikimedia Commons. Public Domain Mark 1.0; beschnitten.

 
 

Die offizielle Provenienz ist weniger geradlinig

Die ausführlichste öffentliche Dokumentation bietet die 13-seitige Empfehlung der Beratenden Kommission. Sie befürwortet die Rückgabe, hält aber zugleich Lücken fest, die in der kürzeren Provenienzdarstellung eines Auktionshauses leicht verschwinden.

DatumDokumentiertes Ereignis
November 1927Emanuel und Hedwig Lewenstein erwerben das Gemälde für 900 niederländische Gulden.
1933Hedwig überlässt es dem Stedelijk Museum in Amsterdam als Leihgabe.
5. September 1940Das Museum übergibt es einem von Kunsthändler Abraham Mozes Querido entsandten Boten, der für eine nicht genannte Partei handelt.
9. Oktober 1940Frederik Muller & Co verkauft es für 250 Gulden zuzüglich Provision an Salomon B. Slijper.
1972Slijpers Witwe verkauft das Bild für 900.000 Gulden an die Bayerische Landesbank.
2023Die Kommission empfiehlt die Restitution; die Bank stimmt der Rückgabe später zu.
14. Oktober 2026Geplanter Auktionstermin bei Christie’s in London.

Die Transaktion von 1940 führte nicht zu einem eindeutig dokumentierten Bruch. Nach den Feststellungen der Kommission schickte Slijper das Gemälde unmittelbar nach der Auktion an das Stedelijk Museum zurück. Das Museum führte es weiterhin als Leihgabe der Lewensteins, verwahrte es jedoch für Slijper, wahrscheinlich bis Januar 1946. Zudem versuchte Slijper 1946, das Werk als Vermittler und nicht als Eigentümer zu verkaufen. Diese Einzelheiten ändern das Ergebnis der Kommission nicht. Sie verdeutlichen aber, weshalb eine lückenlos wirkende Abfolge von Namen noch keinen ordnungsgemäßen Eigentumsübergang beweist.

Christie’s datiert den Beginn der langfristigen Leihgabe an das Lenbachhaus auf 1973. Laut Kommission befand sich das Gemälde bereits seit dem Erwerb durch die Bank im Jahr 1972 als Leihgabe dort, ohne dass Kauf und tatsächliche Platzierung getrennt datiert werden. Die Darstellungen weichen somit um ein Jahr voneinander ab. Eigentümerin blieb die Bayerische Landesbank, während das städtische Museum das Werk zeigte. Aus einem Vermögenswert der Bank wurde dadurch ein vertrauter Bestandteil der bedeutenden Münchner Kandinsky-Bestände.

 
 

Im Juni 2023 wurde die Rückgabe empfohlen, nicht vollzogen

Christie’s schreibt wiederholt, Das bunte Leben sei im Juni 2023 restituiert worden. Die offiziellen Unterlagen belegen für diesen Monat jedoch keine abgeschlossene Rückgabe. Die Beratende Kommission beschloss am 16. Mai, die Restitution zu empfehlen, und veröffentlichte ihre Empfehlung am 13. Juni. Dabei handelte es sich um eine nicht bindende Empfehlung, weder um ein Gerichtsurteil noch um ein Dokument, mit dem Eigentum übertragen wurde.

Der nächste belegte Schritt folgte mehr als einen Monat später. Ein Sprecher der Bayerischen Landesbank teilte dpa mit, die Bank habe am 24. Juli entschieden, der Empfehlung zu folgen und das Gemälde an die Erben der Familie Lewenstein zurückzugeben. Der am 25. Juli aktualisierte dpa-Bericht hielt zugleich fest, dass die Einzelheiten der Restitution noch nicht geklärt seien. Juni bezeichnet demnach den Monat der Empfehlung und Juli den Monat der Eigentümerentscheidung. Keine der beiden Quellen nennt das spätere Datum, an dem Besitz oder Eigentum tatsächlich auf die Erben übergingen.

Diese Unterscheidung stellt die Berechtigung der Restitution nicht infrage. Die Kommission fand zahlreiche Hinweise auf einen NS-verfolgungsbedingten Verlust. Nach ihrer Bewertung hatte die Bank die nach der deutschen Besetzung der Niederlande geltende Vermutung eines solchen Verlustes nicht widerlegt. Die Bayerische Landesbank akzeptierte anschließend das empfohlene Ergebnis. Die Verfügungsbefugnis der heutigen Verkäufer kann daher nur aus der später vollzogenen Übertragung folgen, nicht bereits aus der Empfehlung der Kommission.

Das historische gelbe Lenbachhaus steht hinter einer steinernen Gartenmauer in München.
Das Lenbachhaus in München, 2009 fotografiert von Schlaier, über Wikimedia Commons. Vom Urheber als gemeinfrei veröffentlicht.

 
 

Die Auktion schließt die Provenienzlücken von 1940 nicht

Christie’s erklärt, das Vermögen der Familie sei nach der deutschen Besetzung beschlagnahmt und die Sammlung im Oktober 1940 zerstreut worden. Die Schlussfolgerung der Kommission ist mit einem verfolgungsbedingten Verlust vereinbar. Ihre Belege zeigen jedoch nicht, wer das Stedelijk Museum zur Herausgabe von Das bunte Leben anwies, wer das Bild bei Frederik Muller & Co einlieferte oder wer den Auktionserlös erhielt. Ebenfalls ließ sich nicht sicher feststellen, ob nach Hedwigs Tod ihr Sohn Robert, ihre Tochter Wilhelmine oder beide das Gemälde erbten. Der Anspruch scheiterte an dieser Frage nicht, weil alle infrage kommenden Erben am Verfahren beteiligt waren.

Die Kommission entschied auch nicht, ob die 1940 erzielten 250 Gulden einen angemessenen Preis darstellten. Eine Beurteilung war aus ihrer Sicht nicht erforderlich, nachdem die Vermutung eines unfreiwilligen Verlustes griff. Auffällig bleibt die dokumentierte Zahlenfolge: 1927 zahlten die Lewensteins 900 Gulden, 1940 wurde das Bild im besetzten Amsterdam für 250 Gulden zuzüglich Provision versteigert, und 1972 erwarb die Bayerische Landesbank es für 900.000 Gulden. Dabei handelt es sich um Nominalbeträge, nicht um inflationsbereinigte Vergleichswerte. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie die archivalisch nachweisbaren Transaktionen markieren.

Sollte das Los im Oktober verkauft werden, wird die Auktion einen neuen Preis und einen neuen Eigentümer hervorbringen. Sie wird jedoch weder den Einlieferer von 1940 identifizieren noch den Verbleib des damaligen Erlöses aufklären. Auch eine künftige öffentliche Zugänglichkeit des Gemäldes ist damit nicht garantiert. Christie’s hat lediglich die Stationen der Vorbesichtigung angekündigt; Käufer und späterer Standort können vor dem Verkauf nicht bekannt sein.

Der historische und der moderne Gebäudeteil des Stedelijk Museum Amsterdam.
Das Stedelijk Museum Amsterdam, fotografiert von Aarnout2007, über Wikimedia Commons. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0.

 
 

Der Verkauf steht fest, entscheidende Fragen bleiben offen

Die öffentlich zugänglichen Belege sichern vier Punkte:

  • Christie’s hat Das bunte Leben für die Londoner Abendauktion am 14. Oktober 2026 angekündigt, ohne eine öffentliche Schätzung zu nennen.
  • Die Beratende Kommission bewertete den Verlust von 1940 als NS-verfolgungsbedingt; die Bayerische Landesbank stimmte der empfohlenen Restitution später zu.
  • Juni 2023 ist der Monat der Empfehlung und kein durch öffentliche Unterlagen belegtes Datum einer abgeschlossenen Rückgabe. Die Entscheidung der Bank folgte am 24. Juli.
  • Unbekannt bleiben der Auftraggeber der Einlieferung von 1940, der Empfänger des Erlöses, das genaue Vollzugsdatum der Restitution und der Standort des Gemäldes nach der Auktion.

 

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