Die helle klassizistische Fassade des Fridericianums steht im winterlichen Sonnenlicht am Friedrichsplatz in Kassel.

Documenta 16: Absagen wegen Gaza-Politik und Kunstfreiheit

Die künstlerische Leiterin der Documenta 16, Naomi Beckwith, berichtet von Absagen eingeladener Künstler. Als Gründe seien Deutschlands Haltung zum Gaza-Krieg und die Befürchtung genannt worden, gewünschte Arbeiten hierzulande nicht frei zeigen zu können. Die Nachricht ist für die Ausstellung bedeutsam, ihr Umfang bleibt jedoch offen: Weder die Namen noch die Zahl der Betroffenen wurden veröffentlicht.

 
 

Was Naomi Beckwith über die Absagen sagte

In einem Interview mit Die Zeit vom 17. September beschrieb Beckwith zwei Begründungen für abgelehnte Einladungen. Wie anschließend Hyperallergic berichtete und das deutsche Kunstmagazin Monopol bestätigte, hätten manche Künstler wegen Deutschlands Haltung zum Gaza-Krieg abgesagt. Andere seien davon ausgegangen, in Deutschland nicht frei ausstellen zu können, was sie zeigen wollten.

Dabei handelt es sich um die von Beckwith wiedergegebenen Beweggründe der Eingeladenen. Es ist weder ihre eigene Bewertung der deutschen Rechtslage noch ein Beleg dafür, dass die Documenta eine konkrete Arbeit abgelehnt hätte. Ebenso wenig sind Künstler aus einer bereits veröffentlichten Teilnehmerliste ausgestiegen. Da sie die Einladung nicht annahmen und keine Namen genannt wurden, wäre es irreführend, von einem Rückzug bereits bestätigter Teilnehmer zu sprechen.

Ein separates Interview mit der HNA vom 16. September grenzt den möglichen Umfang ein. Beckwith zufolge war die überwältigende Mehrheit der Künstler bereits eingeladen und die Liste weitgehend vollständig, auch wenn eine gewisse Flexibilität verblieb. Wann die Namen veröffentlicht werden, sagte sie nicht. Damit ist belegt, dass die Auswahl weit fortgeschritten ist und Absagen vorliegen – nicht aber, welchen Anteil des eingeladenen Feldes sie ausmachen.

Beckwith erklärte außerdem, Protest solle nicht vermieden werden. Menschen hätten das Recht, zu demonstrieren und ihre Ansichten zu äußern. Gegenüber der HNA stellte sie zugleich klar, dass abweichende Meinungen willkommen seien, solange sie nicht aggressiv vorgetragen würden.

 

Was weiterhin unbekannt ist

Keiner der veröffentlichten Berichte nennt die Künstler, ihre Herkunftsländer, die vorgesehenen Arbeiten oder die genaue Zahl der Absagen. Unbekannt ist auch, wann die Entscheidungen fielen, ob sie endgültig sind und ob Ersatz eingeladen wurde. Deshalb lassen sich weder die geografische Reichweite noch die künstlerischen Folgen seriös bewerten.

Auch die beiden Begründungen dürfen nicht gleichgesetzt werden. Eine Absage aus Protest gegen die deutsche Gaza-Politik ist eine politische Entscheidung. Die Annahme, in Deutschland nicht frei ausstellen zu können, betrifft dagegen die Bedingungen künstlerischer Arbeit. Beckwith nannte beide Motive, sagte aber nicht, ob einzelne Personen beide angeführt hatten.

 
Die helle klassizistische Fassade des Fridericianums steht im winterlichen Sonnenlicht am Friedrichsplatz in Kassel.
Das Fridericianum in Kassel, seit Langem ein zentraler Ort der Documenta. Foto: Paul Broeker, via Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International. Zugeschnitten.

 
 

Der Kodex verspricht Freiheit und erlaubt Einordnungen

Der veröffentlichte Verhaltenskodex der Documenta zieht eine deutlichere institutionelle Grenze, als manche Debattenbeiträge vermuten lassen. Er gilt für die gemeinnützige Gesellschaft und ihre Beschäftigten. Die künstlerische Leitung sowie das künstlerisch-kuratorische Team sind ausdrücklich ausgenommen; für die kuratorische Arbeit gelte die Kunstfreiheit „ohne Einschränkung“.

Dasselbe Dokument bindet die Organisation an die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance. Es garantiert künstlerisches Arbeiten innerhalb des deutschen Rechts. Gleichzeitig behält sich die Documenta vor, sich zu einer künstlerischen Äußerung zu positionieren, wenn sie diese als unvereinbar mit ihren Grundsätzen bewertet, und diese Haltung nötigenfalls in der Nähe des Werks zu erläutern.

Zusammengenommen ergibt sich ein genaueres Bild: Der Kodex ist keine Regel zur Vorabgenehmigung von Beckwiths kuratorischem Programm. Die Institution verfügt jedoch über einen Mechanismus, um öffentlich auf umstrittene Kunst zu reagieren. Das widerlegt nicht die Wahrnehmung der ungenannten Künstler über das kulturelle Klima in Deutschland. Ihre Bedenken sind aber auch kein Beweis für eine Zensur durch die Documenta, denn weder wurde eine Person genannt noch eine Arbeit beschrieben oder ein Veto offengelegt.

 

Ein zweiter, künstlerischer Kodex wurde verworfen

Diese Regelung entstand durch eine bewusste Entscheidung. In einem Beschluss zur Organisationsentwicklung vom 7. Mai 2024 verwarf die Documenta die Empfehlung, neben dem Unternehmenskodex einen von jeder künstlerischen Leitung verfassten Ausstellungskodex einzuführen. Verlangt wurde nur der organisatorische Kodex. Statt eines zweiten Regelwerks sollte die künstlerische Leitung ihr kuratorisches Konzept sowie ihr Verständnis von Menschenwürde und Kunstfreiheit öffentlich vorstellen.

Diese Vorgeschichte ist wichtig, weil die Formulierung „Kodex der Documenta“ ein einheitliches Regelwerk für alle an der Ausstellung Beteiligten vermuten lässt. Tatsächlich trennt die offizielle Regelung das Verhalten der Gesellschaft von der kuratorischen Autorität. Beckwith sagte der HNA allerdings, sie habe ihr Team und alle eingeladenen Künstler gebeten, im Geist von Gewaltfreiheit, Respekt und Menschenwürde zu arbeiten. Das sind ihre erklärten Erwartungen an die Ausstellung – kein Beleg dafür, dass die Künstler ihre Einladungen gerade deshalb ablehnten.

 
 

Wie die Krisen von 2022 und 2023 nachwirken

Die institutionellen Reformen folgten auf die Documenta 15. Laut der offiziellen Rückschau der Documenta wurde zwei Tage nach Eröffnung der Ausstellung im Jahr 2022 festgestellt, dass das Banner People’s Justice (2000) des indonesischen Kollektivs Taring Padi eindeutig antisemitische Bildsprache enthielt. Generaldirektorin Sabine Schormann schied später aus; ein Expertengremium untersuchte die Ausgabe und die Organisationsstrukturen.

Der erste Versuch, eine künstlerische Leitung für die Documenta 16 zu bestimmen, zerfiel anschließend in mehreren Schritten. Bracha Lichtenberg Ettinger und Ranjit Hoskoté traten im November 2023 getrennt voneinander und mit unterschiedlichen Begründungen aus der Findungskommission zurück. Am 16. November folgten die vier verbliebenen Mitglieder. In ihrer offiziellen Mitteilung kündigte die Documenta an, das Auswahlverfahren neu aufzusetzen. Die Unterscheidung ist wesentlich: Die Kommission brach vollständig auseinander, aber nicht durch einen einzigen gemeinsamen Rücktritt aus einem einheitlichen Grund.

Eine neu zusammengesetzte Kommission wählte Beckwith aus; der Aufsichtsrat berief sie am 18. Dezember 2024. Im Februar 2025 veröffentlichte die Gesellschaft ihren Kodex. Diese Abfolge beweist nicht, warum Künstler im Jahr 2026 Einladungen ablehnten. Sie zeigt jedoch, dass die jetzige Kontroverse nach mehreren Jahren entstand, in denen Antisemitismus, deutsche historische Verantwortung, Palästina-Solidarität und kuratorische Unabhängigkeit bereits das Auswahlverfahren und die Organisationsstruktur der Documenta geprägt hatten.

Der offizielle Trailer der Documenta 15 vermittelt einen unmittelbaren visuellen Eindruck jener Ausstellung, deren Folgen die Vorbereitung der nächsten Ausgabe mitbestimmen.

 
 

Was die Absagen für die Documenta 16 bedeuten

Die Documenta 16 soll vom 12. Juni bis zum 19. September 2027 in Kassel stattfinden. Beckwith hat ein Programm beschrieben, das künstlerische Praktiken, gemeinsames Lernen, Performance, Musik und Improvisation zusammenführt. Die beteiligten Künstler und konkreten Werke werden bislang jedoch unter Verschluss gehalten.

Die verfügbaren Aussagen liefern keinen Beleg für einen breiten Boykott. Dass der Großteil der Einladungen verschickt und die Liste Mitte September weitgehend vollständig war, spricht dagegen, die Absagen als Zusammenbruch der Ausstellung zu deuten. Dennoch ist eine unbekannte Zahl nicht automatisch bedeutungslos. Schon eine einzige Absage könnte ein Werk betreffen, das für eine kuratorische Argumentation zentral gewesen wäre. Eine größere Gruppe könnte die geografische oder gedankliche Spannweite der Ausstellung verändern. Ohne eine Teilnehmerliste oder öffentliche Erklärungen der Künstler ist keine dieser Möglichkeiten belegt.

Festhalten lässt sich nur eine engere, aber folgenreiche Aussage: Deutschlands Gaza-Politik und die Wahrnehmung eingeschränkter Kunstfreiheit beeinflussen bereits, wer bereit ist, an der Documenta 16 teilzunehmen. Die Wirkung ist kuratorisch, noch bevor ihr Ausmaß beziffert werden kann, weil die Absagen den Kreis verändert haben, aus dem Beckwith die Ausstellung zusammenstellt.

Besucher warten im Juli 2022 vor der Documenta-Halle in Kassel während der Documenta 15.
Die Documenta-Halle während der Documenta 15 im Juli 2022. Foto: Baummapper / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0.

 
 

Die Absagen sind bestätigt, ihre Folgen nicht

Beckwith hat bestätigt, dass ungenannte Künstler Einladungen aus zwei berichteten Gründen ablehnten: wegen Deutschlands Haltung zum Gaza-Krieg und aus Sorge um die Freiheit, ihre gewünschten Arbeiten auszustellen. Die HNA-Aussagen zeigen, dass die Auswahl Mitte September weitgehend abgeschlossen war. Eine öffentliche Liste, an der sich die Absagen messen ließen, existiert jedoch noch nicht.

Die Regeln der Documenta belegen, dass der Unternehmenskodex weder die künstlerische Leitung noch das kuratorische Team bindet. Zugleich darf die Gesellschaft umstrittene Kunst öffentlich einordnen. Die Organisationsgeschichte zeigt außerdem, dass die Findungskommission 2023 schrittweise zerfiel und der vorgeschlagene zusätzliche Kunstkodex 2024 abgelehnt wurde.

Offen bleiben damit entscheidende Fragen: Wer sagte ab, wie viele Personen waren es, welche Arbeiten oder Perspektiven gingen der Documenta 16 dadurch verloren, wurden Ersatzkandidaten eingeladen – und wird einer der betroffenen Künstler seine Entscheidung vor der Ausstellung selbst öffentlich machen?

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