Der Budapester Burgpalast, in dem die Ungarische Nationalgalerie seit 1975 untergebracht ist.

Ungarn stoppt SANAA-Neubau: Nationalgalerie ohne Dauerlösung

Ungarns neue Regierung beendet den geplanten Neubau der Ungarischen Nationalgalerie im Budapester Stadtwäldchen. Der am 18. Juni veröffentlichte Regierungsbeschluss macht aus den reservierten Bauflächen wieder Parkland; Verkehrs- und Bauminister Dávid Vitézy bestätigte am 8. September, dass das von SANAA entworfene Museum dort nicht entstehen wird. Damit ist geklärt, wo es nicht gebaut wird – nicht aber die Zukunft der nationalen Kunstsammlung.

 
 

Was der Regierungsbeschluss tatsächlich festlegt

Vitézy erläuterte bereits am 18. Juni öffentlich, dass die Galerie nicht ins Stadtwäldchen ziehen und die dafür vorgesehene Fläche begrünt werden soll. Der Beschluss 1204/2026 im Ungarischen Amtsblatt wurde am 18. Juni 2026 veröffentlicht. Sein erster Punkt verlangt, die zuvor als Baustellen abgesperrten Flächen im Városliget für öffentliche Parkzwecke zu entwickeln. Hinzukommen sollen die Erneuerung des Heldenplatzes und die Befreiung des Parks vom Durchgangsverkehr.

Die weiteren Punkte übertragen die Verantwortung an den Verkehrs- und Investitionsminister. Er sollte bis 31. August Investitionsentscheidungen und eine mögliche EU-Finanzierung prüfen, nach den bedingten Vergabeverfahren die Umsetzung vorbereiten und bis 30. September ein Konzept für die umfassende Freiraumentwicklung der touristischen Achse zwischen Stadtwäldchen und Burgviertel vorlegen. Außerdem soll die Regierung das Liget-Gesetz von 2013 ändern und die Bauherren- von den Betreiberaufgaben der staatlichen Városliget-Gesellschaft trennen.

Wichtig ist die Reichweite des Dokuments: Es nennt weder die Neue Nationalgalerie noch SANAA und enthält nicht wörtlich die Aussage, sämtliche Bauvorhaben seien beendet. The Art Newspaper bezeichnete den Text am 8. September als „decree“; im Amtsblatt ist 1204/2026 jedoch als Korm. határozat, also als Regierungsbeschluss, ausgewiesen – nicht als Korm. rendelet, eine Regierungsverordnung.

Der Beschluss weist die bisher als Baustellen abgesperrten Flächen der Parkentwicklung zu. Vitézy sagte dem am 8. September erschienenen Bericht ausdrücklich, die Galerie werde nicht im Stadtwäldchen gebaut. Zugleich erklärte er, für ihren künftigen Standort sei ein neuer Plan nötig. Weder die Institution selbst noch die Sammlung werden durch den Beschluss aufgehoben.

 
Der Budapester Burgpalast, in dem die Ungarische Nationalgalerie seit 1975 untergebracht ist.
Der Budapester Burgpalast beherbergt die Ungarische Nationalgalerie. Foto: Dguendel / Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution 3.0 Unported.

 
 

Von SANAA zum Stillstand: eine elfjährige Planung

SANAA setzte sich Ende 2015 nach einem zunächst geteilten ersten Preis gegen Snøhetta durch. Der japanische Entwurf entstand in Zusammenarbeit mit dem Budapester Büro Bánáti + Hartvig. Geplant war ein niedrig gegliederter, mit dem Park verzahnter Museumskomplex auf dem Gelände der abgerissenen Veranstaltungshalle Petőfi Csarnok.

2019 sollte aus der Planung eine Baustelle werden. Nach der Wahl Gergely Karácsonys zum Budapester Oberbürgermeister sprach sich die Stadtversammlung am 5. November 2019 gegen noch nicht begonnene Teile des Liget-Projekts und ausdrücklich gegen die Neue Nationalgalerie aus; eine später verhängte Veränderungssperre hob der Staat 2020 gesetzlich wieder auf. Der Baustart der Galerie, damals für Anfang 2020 vorgesehen, blieb aus. Der politische Widerstand der Hauptstadt trug zum Stillstand bei, obwohl die damalige Regierung die kommunalen Sperren später außer Kraft setzte und das Projekt formal weiterverfolgte.

Das zeigt die jüngere Chronologie. 2024 wurde eine Ausschreibung für den Bau veröffentlicht. Noch am 4. Februar 2026 berichtete HVG unter Berufung auf Generaldirektor László Baán von laufenden Vergabeverhandlungen; ein Ergebnis werde im Frühjahr erwartet. Bereits im April 2025 hatten die SANAA-Gründer Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa den Entwurf auf der Expo in Osaka vorgestellt. Erst der Kurswechsel nach dem Regierungswechsel im Mai 2026 und der Beschluss vom 18. Juni machten aus einem verzögerten Projekt ein am vorgesehenen Ort beendetes.

 
 

Was die Absage für die Kunstsammlung bedeutet

Die Ungarische Nationalgalerie wurde 1957 gegründet und zog 1975 in die dafür umgebauten Flügel des Budapester Burgpalasts. Sie bewahrt und zeigt die Geschichte der ungarischen Kunst vom 11. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Seit 2022 werden die Flügel A und B des Palasts rekonstruiert; die Dauer- und Sonderausstellungen konzentrieren sich deshalb auf die Flügel C und D.

Vitézy bezeichnete den Burgpalast gegenüber The Art Newspaper nicht als tragfähige Langzeitlösung. Seine technische Infrastruktur erfülle die Anforderungen an den dauerhaften Betrieb einer modernen Nationalgalerie und an die sichere Erhaltung der Sammlung nicht vollständig. Das ist eine Bewertung des Ministers. Eine aktuelle, veröffentlichte Zustandsanalyse der Galerie, die ein unmittelbares Risiko für einzelne Werke belegt, liegt damit nicht vor.

Die offizielle Projektbeschreibung versprach für den SANAA-Bau fast 50.000 Quadratmeter und eine gemeinsame Präsentation der modernen Bestände des Museums der Schönen Künste und der Nationalgalerie. Ungarische und internationale Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart sollte wieder zusammen gezeigt werden. Größere Dauerausstellungen hätten zudem Werke aus den Depots sichtbar gemacht. Die Absage betrifft damit nicht nur eine Architektur, sondern ein konkretes kuratorisches Neuordnungsmodell.

Zur Lage der Sammlung gehört allerdings noch eine zweite Infrastruktur. 2019 wurde das Nationale Restaurierungs- und Lagerzentrum eröffnet, ein rund 30.000 Quadratmeter großer Komplex für etwa 300.000 Objekte und rund 100 Restauratorinnen und Restauratoren. Das entlastet Lagerung und Konservierung, ersetzt aber weder geeignete Ausstellungsräume noch die technische Erneuerung des öffentlich zugänglichen Galeriegebäudes. Die langfristige Museumsfrage bleibt deshalb bestehen, obwohl bereits moderne Depot- und Restaurierungskapazitäten geschaffen wurden.

Eine dicht gehängte Wand mit Gemälden in einem Ausstellungssaal der Ungarischen Nationalgalerie.
Bilderwand in der Ungarischen Nationalgalerie. Foto: Dguendel / Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution 4.0 International.

 
 

Ein Entwurf ohne Grundstück, eine Sammlung ohne Dauerlösung

Baán hofft nach Angaben von The Art Newspaper, den SANAA-Entwurf an einem anderen Ort zu verwirklichen. Als Alternative nannte er eine vollständige Sanierung des Burgpalasts, die seiner Einschätzung nach acht bis zehn Jahre dauern und erhebliche Mittel erfordern würde. Beides sind Vorschläge, keine beschlossenen Projekte. Vitézy erklärte ausdrücklich, dass noch kein Ersatzstandort gewählt sei und zunächst eine fachliche Prüfung folgen solle.

Auch für die Sammlungsordnung fehlt damit eine Entscheidung. Der Stadtwäldchen-Plan setzte voraus, die Bestände nach Epochen neu zu verteilen: Kunst nach 1800 sollte in den Neubau, ältere Werke sollten im Museum der Schönen Künste zusammengeführt werden. Ohne Neubau ist offen, ob diese Aufteilung weiterverfolgt, verändert oder zugunsten eines sanierten Burgstandorts verworfen wird.

Bemerkenswert ist zudem, dass die offizielle Liget-Webseite die Neue Nationalgalerie am 8. September weiterhin im Futur beschreibt. Die nicht aktualisierte Projektseite dokumentiert die versprochenen Funktionen des Museums; politisch ist der alte Standort nach Vitézys Bestätigung jedoch nicht mehr offen.

 
 

Der Parkplan endet, die Museumsfrage nicht

Nicht entschieden sind der Ersatzstandort, die mögliche Wiederverwendung des SANAA-Entwurfs, eine Sanierung des Burgpalasts und die künftige Verteilung der Bestände. Moderne Depot- und Restaurierungsräume bestehen bereits; ungeklärt bleibt das dauerhafte, technisch geeignete Haus, in dem Ungarns nationale Kunstsammlung öffentlich gezeigt werden soll.

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