Kinderzeichnung Manet zugeschrieben – Prüfung steht noch aus
Eine 20,5 × 17,5 Zentimeter große Rötelzeichnung aus einer norditalienischen Privatsammlung wird Édouard Manet zugeschrieben. Die Kunsthistoriker Emily A. Beeny und Francesco Baccanelli stützen ihre Einschätzung auf den Zeichenstil, einen unter UV-Licht sichtbaren „E.M.“-Nachlassstempel, ein Grafitraster und die bekannte Provenienz. Das zuständige Catalogue-raisonné-Komitee hat das Blatt allerdings noch nicht untersucht.
Warum das kauernde Kind Manet zugeschrieben wird
Francesco Baccanelli entdeckte die Zeichnung bei der Sichtung einer Sammlung in Norditalien. Der Eigentümer machte ihn auf eine Beschriftung auf der Rückseite des Passepartouts aufmerksam, die das Blatt als Werk Manets bezeichnete. Wissenschaftlich untersucht worden war es bis dahin jedoch nicht. Baccanelli schickte ein Foto an Emily A. Beeny, Chefkuratorin der Legion of Honor in San Francisco. Gemeinsam entwickelten und veröffentlichten sie die Zuschreibung.
In ihrem Beitrag für The Burlington Magazine datieren sie die Studie auf etwa 1858 bis 1860. Damit würde sie in eine frühe Phase im Werk von Édouard Manet fallen. Die Fachleute vergleichen das Blatt mit Rötel-Aktstudien, die Manet unter dem Eindruck der in Florenz studierten Renaissancezeichnungen schuf.
Als charakteristisch beschreiben sie die abrupten Wechsel zwischen hellen und dunklen Partien, bewusst unberührte Stellen des Papiers, die spitz zulaufenden Finger und eine feine Federlinie, mit der das Haar konturiert wurde. Das sind stilistische Vergleichsurteile, keine messbaren Merkmale, die den Urheber unabhängig bestimmen könnten.
Auch die Identität des Kindes ist unbekannt. Beeny und Baccanelli erwogen sowohl Manets jungen Ateliergehilfen Alexandre als auch ein weibliches Modell. Belegt ist keine der beiden Möglichkeiten.
Was Stempel, Rötel und Grafitraster tatsächlich belegen
Gerade weil die formale Katalogprüfung noch aussteht, muss zwischen einer unmittelbar feststellbaren Beobachtung und ihrer kunsthistorischen Deutung unterschieden werden.
| Befund | Beobachtung | Mögliche Aussage |
|---|---|---|
| Rötel | Harte Tonwechsel, freie Papierstellen und Federdetails | Stilistische Übereinstimmung mit Studien Manets |
| „E.M.“-Marke | Verblasster, unter UV-Licht sichtbarer Stempel | Mögliche Verbindung zu Manets Nachlass |
| Grafitraster | Die Figur ist quadriert | Vorbereitung einer Vergrößerung oder Übertragung |
| Figurentyp | Pose und Gesicht erinnern an andere Werke | Vergleichsargument, aber keine Identifizierung des Modells |
Artnet News bezeichnete den Stempel als „endgültigen Beweis“. Diese Formulierung geht über seine tatsächliche Aussagekraft hinaus. Der wissenschaftliche Manet-Katalog des Art Institute of Chicago identifiziert die vergleichbare Marke Lugt 880 als Nachlassstempel. Nach den dort angeführten Erkenntnissen von Frits Lugt brachte Manets Witwe Suzanne die Marke vor der Nachlassauktion im Februar 1884 auf Werken an.
Sollte es sich bei der nun sichtbar gemachten Marke um denselben Stempel handeln, wie der Vergleich von Beeny und Baccanelli nahelegt, wäre dies ein wichtiges Indiz für eine Herkunft aus Manets Atelier oder Nachlass. Die Marke wurde aber erst nach dem Tod des Künstlers angebracht und ist keine eigenhändige Signatur. Die UV-Untersuchung macht den verblassten Abdruck erkennbar; sie weist nicht nach, wer die Rötellinien zeichnete. Aussagekraft gewinnt der Stempel erst im Zusammenspiel mit Stil, Material und Provenienz.

The Old Musician (1862) von Édouard Manet, National Gallery of Art, Washington, via Wikimedia Commons. CC0 1.0. Beschnitten.
Vergleiche mit The Old Musician und Finding of Moses
Beeny bringt das unbekannte Modell mit der kleinen Figur am linken Rand von Manets The Old Musician in Verbindung. Die National Gallery of Art datiert das großformatige Gemälde auf 1862 und damit in zeitliche Nähe zur vorgeschlagenen Datierung der Zeichnung. Ähnlichkeiten bei Gesicht und Frisur sprechen für den Vergleich. Die kauernde Haltung wurde jedoch nicht in das fertige Gemälde übernommen. Eine direkte Funktion als Vorstudie ist deshalb nicht bewiesen.
Das Grafitraster eröffnet eine andere Spur. Eine solche Quadrierung kann dazu dienen, eine Zeichnung zu vergrößern oder in eine andere Komposition zu übertragen. Bislang ist jedoch kein erhaltenes Werk Manets bekannt, in dem genau dieses kauernde Kind vorkommt.
Beeny und Baccanelli halten einen Zusammenhang mit der großen, unvollendeten Komposition Finding of Moses für möglich, die mit der Entwicklung von The Surprised Nymph verbunden wird. Der Sammlungseintrag des Museo Nacional de Bellas Artes zeigt sowohl die Grundlage als auch die Unsicherheit dieser Hypothese. Die Bezeichnung Finding of Moses geht demnach auf eine Erinnerung Antonin Prousts aus dem Jahr 1897 zurück. Eine Ölstudie in Oslo enthält zwei zusätzliche Frauen, darunter links eine kauernde Figur.
Gegen die vorgeschlagene Deutung der Szene wurde allerdings eingewandt, dass eine unbekleidete Tochter des Pharaos kein bekanntes ikonografisches Vorbild besitzt. Schon das geplante Bildthema bleibt damit umstritten. Die kauernde Frau in der Osloer Studie belegt ebenso wenig, dass das neu zugeschriebene Kind genau für diese Komposition vorgesehen war. Das Raster spricht für eine geplante Übertragung; deren Ziel ist weiterhin unbekannt.

Surprised Nymph (1860), Ölstudie von Édouard Manet, Nasjonalmuseet, via Wikimedia Commons. CC BY 4.0. Beschnitten.
Die Provenienz besitzt drei Anhaltspunkte – und große Lücken
Die bekannte Besitzgeschichte liefert drei zeitliche Fixpunkte. Nur der jüngste davon ist jedoch eine genauer datierte Erwerbung.
- Beeny und Baccanelli vermuten, dass Suzanne Manet das Blatt nach dem Tod ihres Mannes verkaufte. Der Nachlassstempel wäre damit vereinbar, doch ein konkreter Eigentumsübergang im späten 19. Jahrhundert ist nicht dokumentiert.
- In den 1930er-Jahren wurde die Zeichnung zweimal verkauft: zunächst in Deutschland und später in der Schweiz. Weder The Guardian noch Artnet News nannten Verkäufer, Käufer, Auktionshäuser oder die genauen Daten dieser Verkäufe.
- Der heutige Eigentümer erwarb das Blatt 1996 aus einer Sammlung im italienischen Brescia.
Damit reicht die Provenienz deutlich weiter als eine bloße undokumentierte Wiederentdeckung. Eine lückenlose Kette zurück bis zu Manets Atelier ergibt sich daraus aber nicht. Die Besitzgeschichte unterstützt die Zuschreibung, ohne sie abzuschließen.

Édouard Manet, Madame Édouard Manet (Suzanne Leenhoff) (1873), The Metropolitan Museum of Art, via Wikimedia Commons. Gemeinfrei.
Warum die Aufnahme in den Werkkatalog entscheidend ist
Das Wildenstein Plattner Institute unterhält Komitees, die Werke im Hinblick auf eine mögliche Aufnahme in Manets Catalogue raisonné untersuchen. Der Rouart-Wildenstein-Katalog von 1975 ist weiterhin das maßgebliche Referenzwerk; sein zweiter Band erfasst Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen. Eine Aufnahme in den geplanten digitalen Katalog würde das Blatt in diesen formalen wissenschaftlichen Werkbestand einordnen.
The Guardian berichtete am 28. September 2026, dass das Institut die Zeichnung noch nicht untersucht habe. Das ist keine Ablehnung. Es bedeutet lediglich, dass das zuständige Komitee bislang keine Entscheidung getroffen hat.
Eine ernst zu nehmende Zuschreibung, aber noch kein Schlussurteil
Die einzelnen Indizien ergänzen sich, besitzen jedoch unterschiedliches Gewicht.
- Beeny und Baccanelli datieren die Zeichnung aus stilistischen Gründen auf etwa 1858 bis 1860 und haben ihre Zuschreibung publiziert.
- Die unter UV-Licht sichtbare „E.M.“-Marke entspricht offenbar Manets nachträglich angebrachtem Nachlassstempel, nicht einer eigenhändigen Signatur.
- Die Grafitquadrate zeigen eine Vorbereitung zur Übertragung. Weder The Old Musician noch Finding of Moses ist als Zielkomposition nachgewiesen.
- Zwei Verkäufe in den 1930er-Jahren und der Erwerb von 1996 ergeben eine teilweise rekonstruierte Geschichte. Die früheren Eigentumsverhältnisse bleiben lückenhaft.
- Das Wildenstein Plattner Institute hat die Zeichnung noch nicht geprüft, sodass ihre Aufnahme in den Catalogue raisonné offen ist.







