Warum Kairo das Nofretete-Wandbild übermalen ließ
Die Behörden in Kairo ließen ein neu beauftragtes Wandbild mit Nofretete und Tutanchamun übermalen, nachdem Betrachter die dunkel wirkenden Gesichter kritisiert hatten. Ahmed Moussa, Gründer des Freiwilligenkollektivs Rasmet Basma, sagt, das Gouvernement habe die Entfernung angeordnet. Das Bild verschwand am 31. August, wenige Stunden vor Xi Jinpings Ankunft am 1. September; ein Interview vom 2. Oktober klärt nun den Auftrag und den KI-gestützten, fünftägigen Entstehungsprozess.
Das Wandbild verschwand bereits am 31. August
Die Kontroverse ist älter als der Bericht vom 2. Oktober. Ägyptische Medien zeigten schon am 31. August, dass die umstrittenen Porträts entfernt wurden. Al-Masry Al-Youm berichtete an diesem Abend, Moussa habe das Übermalen von Teilen des Werks angekündigt. Am 2. September zitierte die Zeitung ihn zudem mit der Aussage, der Bezirk habe sein Team aufgefordert, zwei Darstellungen zu verändern.
Noch am 30. August hatte Ahraminfo das Wandbild neben dem Ägyptischen Museum als genehmigtes Verschönerungsprojekt junger Künstler vorgestellt. Einen Tag später bezeichnete Al-Ahram es als Willkommensbild für Xi Jinping. Al Hadath meldete dagegen bereits, die Behörden des Gouvernements Kairo hätten nach der Kritik beschlossen, die umstrittenen Motive entfernen zu lassen.
Ein offizieller chinesischer Regierungsbericht datiert Xis Ankunft in Kairo auf den 1. September. Damit lässt sich das Übermalen auf den Vortag festlegen. Neu waren am 2. Oktober Moussas direkte Aussage über die Anordnung des Gouvernements und die ausführlichere Schilderung des KI-gestützten Arbeitsablaufs.
Auch bei der Dauer widersprechen sich die Berichte. The Guardian nennt fünf Tage, während zwei zeitnahe Beiträge von Al-Ahram Moussa mit einer Ausführungszeit von sieben Tagen zitieren. Die Gesichtsfarbe sei als goldener Bronzeton gedacht gewesen und habe nachts durch Schatten dunkler gewirkt, erklärte er. Zugleich räumte Moussa ein, dass das Team keine Fachleute für Archäologie und Kunst konsultiert hatte.
Genehmigt war das Projekt – geklärt war das Bild damit nicht
Es handelte sich nicht um ungenehmigte Straßenkunst. Im Bericht vom 30. August sagte Moussa, die Gruppe habe die notwendigen Genehmigungen des Bezirks und des Gouvernements erhalten. Derselbe Text verwies auf eine Erklärung des Gouvernements vom 29. August über ein größeres Programm zur Aufwertung öffentlicher Räume im westlichen Kairo und zur Bewahrung der visuellen Identität der Hauptstadt.
Ungeklärt bleibt schon die Größe des Werks. Ahraminfo beschrieb einen genehmigten, 18 Meter langen Abschnitt neben dem Museum. Am folgenden Tag berichtete Al-Ahram von einem 66 Meter langen Wandbild, an dem etwa 30 junge Menschen gearbeitet hätten und das vom Gouvernement Kairo in Auftrag gegeben worden sei. Auch The Guardian nennt 66 Meter und ordnet das Werk 40 für den Besuch bestellten Wandbildern zu. Möglicherweise beziehen sich die Angaben auf einen einzelnen Abschnitt und die gesamte bemalte Wand; der Unterschied bleibt jedoch ungeklärt.
Eine Malerlaubnis belegt außerdem nicht, dass Fachleute die endgültigen Porträts billigten. Moussa sagte, Amtsträger hätten die Arbeiten vor Ort besucht, bestätigte aber zugleich die fehlende fachliche Beratung. Al-Ahram zufolge wählten das beteiligte Farbenunternehmen und die Bezirksverwaltung den endgültigen Entwurf aus, nachdem das Team und die zuständigen Stellen ungefähr 100 Vorschläge auf 16 reduziert hatten.
Bei einem öffentlichen Kunstauftrag verteilt sich die Verantwortung auf Auftraggeber, Entwerfende und Ausführende. Rasmet Basma übernahm Verantwortung für die unzureichende Recherche; die genehmigende Behörde ließ das Ergebnis später entfernen. Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch: Al-Ahram berichtete am 1. September, Archäologiestudierende hätten die KI-gestützten Entwürfe geprüft. Moussa erklärte später, niemand mit archäologischer Fachkompetenz habe zum Team gehört.
Hautfarbe in ägyptischer Kunst ist keine moderne Volkszählung
Kritiker verstanden die dunklen Gesichter als Unterstützung afrozentristischer Aussagen über das alte Ägypten. Das war eine Deutung des neuen Wandbilds, keine gesicherte Feststellung über die Identität Nofretetes oder Tutanchamuns. Diese Unterscheidung ist wesentlich, weil altägyptische Künstler Hautfarben nicht wie eine moderne dokumentarische Fotografie verwendeten.
Ein Leitfaden des Metropolitan Museum of Art zu Figuren in Grabmalereien des Neuen Reichs erklärt, dass Männer der Elite gewöhnlich mit tiefroter, Frauen dagegen mit gelber Haut dargestellt wurden. Das Museum versteht diese Beständigkeit als künstlerische Konvention zur Kennzeichnung von Menschen aus dem Niltal. Andere Gruppen wurden unter anderem durch Frisuren, Kleidung und Teint unterschieden. Solche Bildcodes lassen sich nicht direkt in heutige ethnische Kategorien übertragen.
Auch die berühmte bemalte Büste Nofretetes in Berlin zeigt, wie präzise und zugleich konventionell Farbe eingesetzt wurde. Das Ägyptische Museum in Berlin nennt Schichten aus rotem Ocker, gelbem Auripigment, grüner Fritte, Rußschwarz und Ägyptisch Blau. Es beschreibt das Porträt als stilisiert, aber wiedererkennbar, und verweist auf standardisierte Normen für Krone, Kragen und Hauttöne.
Damit wird die Farbentscheidung des Wandbilds nicht belanglos. Gerade ein öffentliches Bild neben dem Ägyptischen Museum greift zwangsläufig in eine bestehende Bildtradition ein und verlangt eine fachkundige Interpretation. Eine einzelne erhaltene Darstellung kann jedoch weder eine vielfältige antike Bevölkerung einer heutigen ethnischen Kategorie zuordnen noch die moderne Kontroverse entscheiden.

Die bemalte Kalksteinbüste Nofretetes im Neuen Museum in Berlin. Foto: Ywpark2003 via Wikimedia Commons, veröffentlicht unter der CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.
„KI-gestützt“ bezeichnet eine Kette menschlicher Entscheidungen
Das Wandbild als KI-gestützt zu bezeichnen, ist zutreffend; „KI-gemacht“ würde den größten Teil seiner Herstellung ausblenden. Nach Moussa half ChatGPT bei den Entwürfen. Freiwillige wählten Ergebnisse aus, übertrugen sie auf die große Fläche und malten sie von Hand. Zeitnahe Berichte von Al-Ahram nennen etwa 30 Beteiligte. Amtsträger besichtigten den Ort, das Kollektiv bestimmte die Farbgebung, und Menschen ordneten schließlich das Übermalen an.
Die veröffentlichten Berichte enthalten weder die Eingaben noch die erzeugten Dateien, die Modellversion oder verwendete Referenzbilder. Daher ist nicht belegt, dass ein KI-System die umstrittenen Hauttöne selbstständig in den Entwurf einführte. Moussa beschreibt vielmehr ein Zusammenspiel aus generiertem Design, menschlicher Farbentscheidung und veränderten Lichtverhältnissen in der Nacht.
Die goldene Totenmaske Tutanchamuns gehörte zu den erkennbaren Motiven. Bei der Übertragung eines antiken Objekts in einen digitalen Entwurf und anschließend in eine vereinfachte Wandmalerei werden in jeder Phase Entscheidungen getroffen. Die Software hebt die Urheberschaft und Verantwortung der Menschen, die ein Ergebnis auswählen und ausführen, nicht auf.

Tutanchamuns goldene Totenmaske. Foto: Thomas Clouet via Wikimedia Commons, lizenziert unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.
Was belegt ist – und was offenbleibt
- Regionale Medien dokumentierten das Übermalen am 31. August. Die neue Entwicklung vom 2. Oktober besteht in Moussas direkter Schilderung der behördlichen Anordnung und des fünftägigen KI-gestützten Prozesses.
- Zeitnahe Berichte beschreiben das Werk als beauftragt und genehmigt. Die Kontroverse betrifft damit die Aufsicht über öffentliche Auftragskunst und nicht illegales Graffiti.
- Die Maße widersprechen sich: Eine Quelle nennt 18 Meter für einen genehmigten Abschnitt, Al-Ahram und The Guardian dagegen 66 Meter für das größere Wandbild.
- Museumsquellen zeigen, dass Farben in der altägyptischen Kunst Konventionen und materiellen Entscheidungen folgten. Das Wandbild kann heutige Aussagen über die ethnische Identität der alten Ägypter daher nicht entscheiden.
- Weiterhin unbekannt ist, wer die endgültigen Porträts offiziell genehmigte. Auch die Eingaben und erzeugten Dateien wurden nicht veröffentlicht, und ein überarbeiteter Ersatzentwurf wurde nicht angekündigt.








