Blaquier-Arrieta-Auktion: Was hinter den 450 Millionen Dollar steckt
Sotheby’s hat zwölf impressionistische und moderne Werke aus der Sammlung Blaquier-Arrieta vorgestellt. Bei der für den 18. November in New York angesetzten Auktion sollen sie zusammen rund 450 Millionen US-Dollar erreichen. Doch diese Zahl ist eine Erwartung und noch kein Ergebnis – zudem ergeben die bislang veröffentlichten Einzelschätzungen keine eindeutig nachvollziehbare Gesamtsumme.
Zwölf Werke, aber nur acht veröffentlichte Schätzungen
Sotheby’s präsentierte die zwölf Werke am 30. September; eine Auswahl war dabei in London zu sehen. Wie die Associated Press berichtete, lassen die Kinder des argentinischen Sammlerehepaars Nelly Arrieta de Blaquier und Carlos Pedro Blaquier die Bilder in einer eigenen Auktion versteigern. Vor dem Verkauf in New York ist eine Präsentation in Taipeh, Hongkong und Paris geplant.
Die Auswahl gleicht einem konzentrierten Überblick über die französische Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. An der Spitze stehen Van Gogh und Cézanne, gefolgt von Renoir, Pissarro, Degas, Monet, Gauguin, Sisley, Toulouse-Lautrec, Derain und Vlaminck. Die 2020 verstorbene Nelly Arrieta leitete von 1977 bis 2011 den Freundeskreis des Museo Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires. Le Journal des Arts zufolge gehörten zur größeren Sammlung des Ehepaars außerdem argentinische und lateinamerikanische Kunstwerke, die in Argentinien verbleiben.
Das Spitzenlos von Vincent van Gogh, Châtaigniers en fleurs aus dem Jahr 1890, misst 70 mal 58 Zentimeter. Ein blühender Kastanienbaum beherrscht die verdichtete Straßenansicht aus Auvers. Die Datierung auf Mai ordnet das Gemälde in die letzte Schaffensphase im Leben Vincent van Goghs ein. Die Blaquiers sollen das Werk 1975 bei Wildenstein erworben haben. Zu seiner Besitzgeschichte gehören zuvor Theo van Gogh, Johanna van Gogh-Bonger, der Verleger Samuel Fischer, der Songwriter und Produzent Buddy DeSylva sowie die Sammlerin Harriet Harris-Jonas.
Eine von Infobae veröffentlichte Bestandsaufnahme aller zwölf Lose bietet die vollständigste Aufschlüsselung vom Tag der Ankündigung. Für acht Werke wurde eine Zahl oder Spanne genannt; bei vier Werken fehlt bislang eine Schätzung.
| Werk | Gemeldete Schätzung |
|---|---|
| Van Gogh, Châtaigniers en fleurs | rund 180 Mio. $ |
| Cézanne, Arlequin | rund 120 Mio. $ |
| Pissarro, Place du Théâtre-Français… | 30–40 Mio. $ |
| Renoir, En canot | 25–35 Mio. $ |
| Degas, Avant la course | 20–30 Mio. $ |
| Monet, Le Jardin des Tuileries | 15–20 Mio. $ |
| Gauguin, Fleurs dans une coupe | 10–15 Mio. $ |
| Derain, Bateaux au port de Collioure | 8–12 Mio. $ |
| Vlaminck, Nature morte à la cruche bleue | nicht angegeben |
| Sisley, La Seine à Port-Marly | nicht angegeben |
| Pissarro, Maison de Piette à Montfoucault | nicht angegeben |
| Toulouse-Lautrec, Femme assise de profil… | nicht angegeben |
Setzt man für die beiden mit „rund“ bezifferten Spitzenlose 180 beziehungsweise 120 Millionen US-Dollar an und addiert die Untergrenzen der sechs veröffentlichten Spannen, ergeben sich 408 Millionen US-Dollar. Mit den Obergrenzen sind es 452 Millionen – jeweils noch ohne jeden Wert für die vier übrigen Werke. Die 450 Millionen US-Dollar sind somit eine gerundete Gesamterwartung, keine präzise Summe, die sich derzeit aus allen Losen rekonstruieren ließe.

Pierre-Auguste Renoir, En canot (Jeune fille à la barque), 1877, via Wikimedia Commons, Public Domain Mark 1.0. Zugeschnitten.
Van Goghs Rekordchance ist größer als Cézannes
Die aktuellen öffentlichen Auktionsrekorde beider Künstler stammen aus der Versteigerung der Sammlung Paul G. Allen bei Christie’s in New York im November 2022. Nach den von Christie’s veröffentlichten Ergebnissen erzielte Van Goghs Verger avec cyprès 117,18 Millionen US-Dollar. Cézannes La Montagne Sainte-Victoire kam auf 137,79 Millionen US-Dollar.
Auf den ersten Blick liegt die Erwartung für den Van Gogh mit 180 Millionen US-Dollar um 62,82 Millionen oder 53,6 Prozent über dem bestehenden Rekord. Die für Cézanne genannten rund 120 Millionen liegen dagegen 17,79 Millionen oder 12,9 Prozent darunter. Ganz vergleichbar sind diese Zahlen allerdings nicht: Sotheby’s gibt Schätzungen ohne Käuferaufgeld an, während veröffentlichte Auktionsergebnisse dieses üblicherweise enthalten.
Nach dem aktuellen New Yorker Aufgeldmodell von Sotheby’s würden bei einem Zuschlag von 120 Millionen US-Dollar zunächst 560.000 US-Dollar für die ersten 2 Millionen, 1,32 Millionen für die nächsten 6 Millionen und 16,8 Millionen für den Betrag oberhalb von 8 Millionen anfallen. Der Preis einschließlich Aufgeld, aber vor Steuern, läge damit bei 138,68 Millionen US-Dollar. Cézannes bisheriger Rekord wäre lediglich um 890.000 US-Dollar oder rund 0,6 Prozent übertroffen.
Ein Zuschlag von 180 Millionen US-Dollar für den Van Gogh ergäbe nach demselben Modell etwa 207,68 Millionen US-Dollar einschließlich Aufgeld – rund 77 Prozent mehr als der bestehende Rekord. Van Gogh könnte deshalb deutlich unter der genannten Erwartung zugeschlagen werden und dennoch einen neuen Höchstwert erzielen. Cézanne müsste dagegen nahe an die Schätzung herankommen; erst das Aufgeld würde das Ergebnis knapp über den Allen-Rekord heben.

Vincent van Gogh, Châtaigniers en fleurs, Mai 1890, das Spitzenlos der Blaquier-Arrieta-Auktion. Wikimedia Commons, Public Domain Mark 1.0.
Warum die fünfzigjährige Abwesenheit wichtig ist
Die beiden Spitzenwerke wurden nach Angaben von Sotheby’s, über die AP und Infobae berichteten, seit 1975 nicht mehr öffentlich ausgestellt. Beim Van Gogh entspricht dieses Jahr zugleich dem Zeitpunkt des Erwerbs durch die Blaquiers. Cézannes Arlequin besitzt darüber hinaus eine bemerkenswerte Ausstellungsgeschichte: Das Gemälde war 1929 in der Eröffnungsausstellung des Museum of Modern Art, 1952 im Art Institute of Chicago und 1954 in der Tate zu sehen.
Paul Cézanne malte seinen Sohn Paul zwischen 1888 und 1890 in vier großformatigen Harlekin-Kompositionen. Das angebotene Bild soll als einziges dieser vier Werke noch in Privatbesitz sein. Das unten gezeigte Gemälde der National Gallery of Art gehört zu derselben Werkgruppe, ist aber ausdrücklich nicht das Bild aus der Sammlung Blaquier-Arrieta. Dass verwandte Fassungen in öffentlichen Sammlungen hängen, erklärt, weshalb Sotheby’s das private Exemplar als Gelegenheit von Museumsrang präsentiert.
Eine lange Abwesenheit vom Ausstellungsbetrieb kann Knappheit erzeugen, beweist für sich genommen jedoch weder Wert noch Erhaltungszustand. Keines der beiden Spitzenbilder besitzt eine öffentliche Auktionsgeschichte, beide verfügen über lange dokumentierte Besitzfolgen und der Cézanne über eine Ausstellungshistorie mit bedeutenden Museen.

Paul Cézanne, Harlequin, 1888–1890, National Gallery of Art; eine verwandte Komposition, nicht das Gemälde aus der Sammlung Blaquier-Arrieta. Wikimedia Commons, CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.
Die Garantiefrage verändert den Markttest
Für vier Werke fehlen weiterhin Schätzungen. Kennzeichnungen für Garantien und unwiderrufliche Gebote können vor der Auktion auf den Losseiten, der Auktionsseite oder durch Mitteilungen im Saal erscheinen. Artnet berichtete im August unter Berufung auf mehrere Marktquellen, Sotheby’s habe die Einlieferung mit einer hohen Garantie gewonnen; Sotheby’s lehnte eine Stellungnahme ab. Am 30. September sagte der frühere Christie’s-Spezialist Thomas Seydoux gegenüber Le Journal des Arts, die von ihm angenommenen Garantiebedingungen spiegelten ebenso den Wettbewerb zwischen den Auktionshäusern wie den Wert der Werke wider. Dabei handelt es sich um zugeschriebene Marktberichte, nicht um bestätigte Vertragsbedingungen einzelner Lose.
Im offiziellen Symbolleitfaden von Sotheby’s bezeichnet eine Hausgarantie die Zusage eines Mindestpreises an den Verkäufer – unabhängig vom Ausgang der Auktion. Dadurch besitzt Sotheby’s ein unmittelbares finanzielles Interesse. Ein mit einem anderen Symbol ausgewiesenes unwiderrufliches Gebot stellt den Verkauf eines Loses sicher und kann einen Teil des Risikos auf einen Dritten übertragen.
Auch eine garantierte Sammlung kann echte Konkurrenz und neue Rekorde hervorbringen. Eine Verkaufsquote von 100 Prozent würde allein jedoch nicht beweisen, dass zwölf unabhängige Käufer zwölf ungeschützte Mindestpreise erreicht haben. Für die Einordnung sind die Loskennzeichnungen, die Zuschlagspreise im Verhältnis zu den Schätzungen sowie Gebote oberhalb etwaiger offengelegter unwiderruflicher Gebote maßgeblich. Die Symbole zeigen zwar an, welche Lose abgesichert sind, nennen aber nicht die Höhe einer Garantie.
Was die Ankündigung bereits belegt
- Die Auktion am 18. November umfasst zwölf namentlich bekannte Werke. AP und die am Tag der Ankündigung veröffentlichte Bestandsaufnahme nennen sämtliche Künstler und Titel.
- Die bislang bekannten Schätzungen ergeben keine exakte Summe von 450 Millionen US-Dollar: Acht bezifferte Lose reichen zusammen von 408 bis 452 Millionen, bevor die vier Werke ohne veröffentlichte Schätzung berücksichtigt werden.
- Die Christie’s-Ergebnisse zeigen eine erhebliche Rekordchance für Van Gogh. Beim Cézanne würde ein Zuschlag von 120 Millionen US-Dollar den bisherigen Rekord einschließlich des aktuellen Sotheby’s-Aufgelds um weniger als 1 Million übertreffen.
- Die Berichte über eine Garantie stützen sich weiterhin auf Marktquellen.







